Eugen Rosenthal – Fotograf in Forst, Weißwasser und Muskau
Helga Heinze, Krauschwitz, 2026
In Ruhestand hatte sich der ehemalige Lehrer Werner Schubert (1924 – 2020) in Weißwasser mit der Geschichte der jüdischen Mitbewohner befasst, so auch mit dem Fotograf Eugen Rosenthal. Trotzdem Schuberts Angaben mit Informationen aus dem Brandenburgischen Landeshauptarchiv in Potsdam erweitert werden konnten, bleiben noch Fragen offen.


Eröffnungsanzeige vom 3. Oktober 1897
Rückseite eines Fotos, 1897
Eugen Rosenthal ist am 18. Oktober 1865 in Norkitten/Ostpreußen geboren worden. Seine Frau Anna geb. Hacker kam am 10. Oktober des gleichen Jahres in Kosel Kreis Glogau zur Welt. Aufgrund seines Berufes ließ er sich zuerst in Berlin nieder, wo ihn zunehmend große Konkurrenz umgab. Darum verlegte er seinen Fokus auf die gerade im Wachsen begriffenen Orte in der Lausitz. Ab 1897 betrieb er in Forst, Weißwasser und Muskau gleichzeitig ein Fotoatelier. Nach dem Weggang von Hoffotograf Bernhard Winkler (s. Beitrag Hoffotograf Winkler) übernahm Rosenthal dessen Atelier im Hause des Bäckermeisters Pinkert in der Berliner Straße in Muskau.
In Weißwasser richtete er in der Bahnhofstraße 6 eine „Werkstatt für moderne Lichtkunst“ ein.1 Mit ihm hatten beide Städte einen Handwerker mit hohem künstlerischem Anspruch, was die erhaltenen Fotografien bis heute belegen.
Zum dem hier abgebildeten Hochzeitsfoto stellte das Handwerk- und Gewerbemuseum Sagar im Rahmen einer Sonderausstellung zum Thema Hochzeit eine Anfrage in der Regionalpresse. Daraufhin meldete sich die 99-jährige Schwägerin der Braut sowie Verwandte des Bräutigams. Weil laut dieser Informationen Adolf Schuhmann im Jahre 1909 seine Verlobte Elfriede Tschammer heiratete, konnte das Foto eindeutig datiert werden. Für das Familienfoto daneben fehlen bislang alle Informationen.



Familienfoto, um 1900
Vorder- und Rückseite, Hochzeitsfoto, 1909
Eugen Rosenthal fertigte nicht nur Privataufnahmen für die hiesige Kundschaft, sondern führte auch kommunale Aufträge aus, wie 1913 die Bebilderung der Festschrift zur Rathausweihe in Weißwasser.2 Er beteiligte sich an Industrie- und Gewerbeausstellungen sowie an der Weltausstellung in Brüssel 1910. Neben vielen anderen Auszeichnungen erhielt er jene für sein spezielles Gummidruckverfahren. Damit stellte er besonders haltbare fotografische Wiedergaben her, die in dieser Zeit als konkurrenzlose Neuheiten galten. Auf der „Internationalen Ausstellung für Buchgewerbe und Graphik“ in Leipzig 1914 zeigte er als einziger Fotograf „Aufnahmen von Glasgegenständen für die Industrie.“ Gerade hier in Weißwasser erkannte er die Möglichkeiten, die die aufstrebende Glasindustrie für ihn bereithielt, denn Verkaufskataloge brauchten seine qualitätvollen Aufnahmen, in denen er „die feinsten Zeichnungen des Schliffs wiederzugeben“ verstand.3

Synagoge Görlitz, 2022, Foto Hans Brettschneider, Görlitz
Aufgrund ihres Glaubens gehörten Rosenthals, wie auch andere jüdische Bürger von Weißwasser, der Synagogengemeinde Görlitz an. Aus ihrer Ehe gingen die Söhne Walter (* 1890 Berlin † 1915 Memel), Erich (* 1892 Berlin † evt. 1964 USA) und der Nachzügler Hermann Curt (* 1905 Weißwasser † unbekannt) hervor. Die beide großen besuchten die Mittelschule, den mosaischen Religionsunterricht in Weißwasser und erlernten das Fotografenhandwerk beim Vater. Erich eröffnete 1921 in Weißwasser die Kristall-Schleifwerke Rosenthal & Co., deren Eintrag 1937 aus dem Handelsregister gelöscht wurde.4 1933 folgte er seinen Eltern nach Berlin.5
Im Fragebogen vor der Deportation der Eltern sind „zwei Söhne nach Frankreich ausgewandert“ verzeichnet. Da Walter mit 23 Jahren im Ersten Weltkrieg an einem Unterleibsschuss starb, scheint es Erich und Hermann gelungen sein, dem Holocaust zu entkommen.


Atelier Fotograf Franz Kachel, um 1930,
Archiv Große Kreisstadt Weißwasser
Muskauer Anzeiger, 1911
Das Muskauer Atelier gab Eugen Rosenthal bereits 1908 auf, ihm folgte dort der Fotograf Hugo Lapp. Wann, warum und mit welchem Ziel Eugen Rosenthal Weißwasser verließ, ist nicht eindeutig geklärt. In seinem Atelier auf der Bahnhofstraße befand sich 1926 der Fotograf Bruno Dobern, später gefolgt von Franz Kachel.6 Bekannt ist, dass Rosenthal bis 1932 als Mieter in Wurzen in der Nordstraße – heute Kleiststraße – Haus Nr. 7 wohnte.7 Überliefert ist, dass sich dort Mietschulden von etwa 800 Mark anhäuften und er dafür dem Vermieter seine Lebensversicherung überließ. Als er mit seiner Frau von Wurzen nach Berlin übersiedelte, waren beide schon 67 Jahre alt. Das Berliner Mietshaus in der Stübbenstraße 3, indem sie zwei Zimmer, Kammer, Korridor, Bad und Balkon bewohnten, gehörte einer „staatenlosen in Nizza lebenden Jüdin“, die es durch einen Verwalter betreuen ließ. Aus finanziellen Gründen vermietete das Ehepaar eines der Zimmer an die Jüdin Helene Mosler für 30 Mark unter.8 Nach der Wannseekonferenz am 20. Januar 1942 begann die systematische Vernichtung der Juden. Welchen Repressalien das Ehepaar inzwischen ausgesetzt war, ist anhand Tausender Schicksale nachzuvollziehen. Ein Schreiben vom 1. September 1942 besagt, dass das gesamte Vermögen „der Reichsfeinde“ Eugen und Anna Rosenthal zugunsten des Deutschen Reichs eingezogen wurde, wobei sie schon lange über keine Barschaft mehr verfügten. Den Wert ihrer bescheidenen Hinterlassenschaft an Möbeln, Hausrat und Textilien legte ein bestellter Taxator in einer Liste fest. Nach der Bezahlung der daraus errechneten Summe, teilten sich zwei Berliner Gebrauchtwarenhändler den Nachlass. Später klagte der Hausverwalter den Mietausfall bis zur restlosen Räumung bei der Geheimen Staatspolizei ein.9
Kaum vorstellbar, in welcher Verfassung sich das betagte entrechtete Ehepaar befand, als es am 2. September 1942 ihre Wohnung verlassen musste, um im Sammellager dem Transport in den Tod entgegenzusehen. Eugen Rosenthal – inzwischen 76-jährig – brach laut Totenschein einen Tag nach Ankunft in Theresienstadt am 15. September 1942 zusammen und starb an Herzlähmung. Seine FrauAnna lebte noch bis zum 17. Februar 1943 in diesem Ghetto, wo sie laut Totenschein an Altersschwäche starb.10

Herbert Rosenthal, Guben, um 1905
Noch zu erwähnen ist, dass einst mehrere bekannte Fotografen den Name Rosenthal trugen. So hatte sich in Guben eine Kunstanstalt für Fotografie unter Herbert Rosenthal (1862 – 1932) etabliert.11 Dabei handelt es sich um den Bruder von Eugen. In der Stadt Guben erlangte Herbert Rosenthal große Aufmerksamkeit und bekleidete viele Ämter, sowie den Vorsitz des „Lausitzer Photographischen Vereins“. Von 1910 bis 1936 ist er in den Gubener Adressbüchern mit attraktiven Werbeanzeigen zu finden.12 Die Namen von Eugen und Herbert Rosenthal standen in Katalogen von großen Ausstellungen nebeneinander und erhielten Preise und Medaillen, denn sie agierten zur gleichen Zeit in ihrem Fach. Herbert Rosenthal wählte 1938 den Freitod13 und entging somit den Qualen, die bald den Menschen jüdischer Herkunft bevorstanden.
Besonderer Dank an:
Dorothea Thünken-Klemperer, Berlin (siehe Beitrag Ziegeleibesitzer Alexander Sussmann)
Quellen:
1 Schubert, Werner: Beiträge zur Geschichte der Juden in Weißwasser, Weißwasser 2014, S. 186-188.
2 Inf. Raik Lemme, Archiv Große Kreisstadt Weiwasser.
3 Nachrichten für das Photographenhandwerk, Band 21, Photographische Chronik und allgemeine Photographen-Zeitung, Nr. 49.
17. Juni 1914, S. 340.
4 Schubert, Werner: Beiträge zur Geschichte der Juden in Weißwasser, Weißwasser 2014, S. 186-188.
5 Ebd.
6 Inf. Raik Lemme, Archiv Große Kreisstadt Weiwasser.
7 BLHA Potsdam 36A(II)31938, Rosenthal, Eugen.
8 Ebd.
9 Ebd.
10 Nationalarchiv Prag, Institut Theresienstädter Initiative.
11 Adressbücher der Stadt Guben, 1910-1936.
12 Inf. Lorenz Münderlein, Stadtarchiv Guben.
13 de.wikipedia.org Herbert Rosenthal.
