Feuerwachturm MAZ 2015 Nr. 294

Graf Traugott Hermann von Arnim, Forstmeister Walter Seitz und der Feuerturm

Hans Schmidt, aus Muskauer Anzeiger, Februar 2015, Nr. 294

Ein Beitrag zur Forstgeschichte
Traugott Hermann von Arnim lag eigentlich das Leben eines Landjunkers nicht. Die persönlichen Beziehungen zu hohen Politikern, insbesondere zum damaligen preußischen Ministerpräsidenten von Bismarck, sein diplomatisches Geschick und seine vorzügliche Ausbildung ließen ihn in vielen Großstädten Europas herumkommen und von Arnim hatte dort das glänzende Leben der großen Welt kennengelernt. Nach mehreren schweren Schicksalsschlägen suchte Traugott Hermann von Arnim mit seiner jungen Frau Laura einen neuen Besitz. Er fand diesen in Muskau und die Verhandlungen mit den Erbinnen des Prinzen Friedrich der Niederlande, der Fürstin Marie zu Wied und der Kronprinzessin Louise von Dänemark, Prinzessin von Schweden und Norwegen, führten schließlich zum Kauf der Standesherrschaft Muskau. Für den erstaunlich niedrigen Preis von 6,6 Millionen Mark erwarb der Graf den 32 000 Hektar großen Besitz. Immerhin gehörten der fast fertiggestellte Park, das Schloss, mehrere Rittergüter, eine Glashütte, Mahl- und  Schneidemühlen, ein Eisenhüttenwerk und mehrere kleine Grundstücke, so genannte Nahrungen, dazu.

Mit dem Besitz der Herrschaft beschritt Traugott Hermann von Arnim den Weg der Industrialisierung, zur dieser Zeit nicht ungewöhnlich. Traugott Hermann von Arnim war ein Aristokrat und zugleich ein durch praktisches, aber auch theoretisches Wissen bestimmter Managertyp. Als Aristokrat bewies er Mut und Kampfesfreude, mit gelegentlich überzogenem Selbstbewusstsein. Als Manager hat er Bedeutendes mit dem Aufbau des auf den Rohstoffen Holz, Kohle und Ton begründeten Konzerns in der Standesherrschaft Muskau geleistet. Er war kein reiner Praktiker, sondern er war auch an theoretischen Überlegungen volkswirtschaftlicher Art interessiert.
Unbestreitbar war der Forstbetrieb die Ausgangsbasis der Industrialisierung in Muskau. Da Pücklers Überhiebe große Lücken in die Holzbestände des Muskauer Forstes gerissen hatten, blieb dem Prinzen Friedrich nichts anderes übrig, als durch Einsparungen allmählich zu einem ausgeglichenen Altersaufbau des Waldes zurückzufinden. Die Bestände setzten sich zu dieser Zeit zu 98 Prozent aus Kiefern, 0,5 Prozent Fichten, 0,2 Prozent Eichen, 1 Prozent Birken und 0,3 Prozent anderer Laubbäume zusammen.

Traugott Hermann von Arnim hatte erkannt, dass aus seinem neuen Besitz nur dann ein wirtschaftlich rentables Unternehmen entstehen konnte, wenn er anstelle der bisherigen Führungskräfte junge, gut ausgebildete Fachleute einstellte. Für die Oberleitung des Forstbetriebes und der gesamten industriellen Verwaltung wurde der Forstassessor Paul Anton Riebel angestellt.
Riebel trug mit seinem Fachwissen, seinem Engagement und Organisationstalent wesentlich zum Aufbau des Industrieunternehmens Muskau bei. Diese Leitung übte Riebel bis 1901 aus. Die Nachfolge trat Forstassessor Walter Bruhm an, der 1904 als Forsteinrichter in die Herrschaft eintrat und von 1905 bis 1919 das Forstamt Muskau und danach bis 1939 das Oberforstamt leitete. 

1902 wurde von Walter Seitz (1863 - 1944) in Muskau ein Feuerwachturm mit Signaleinrichtung konstruiert und zum Patent angemeldet. Das Modell dieses Feuerwachturms erhielt während derWeltausstellung 1904 in St. Louis (USA) eine Goldmedaille. Es handelte sich um einen dreietagigen pyramidenförmigen Holzturm mit einer Signaleinrichtung aus farbigen Signalkörpern und dem entsprechendem Signalschlüssel. Nach dem Erkennen eines Waldbrandes waren seine genaue Ortung und die Übermittlung der Beobachtung und der Gradzahl des Brandortes in die jeweilige Zentrale notwendig. Die Signaleinrichtung von Seitz diente gleichzeitig beiden Zwecken.
1922 wurde der noch heute verwendete Peilkreis mit Gradeinteilung eingeführt. Für das Gebiet der ehemaligen DDR wurde der 360 Grad-Kreis als verbindlich fest gelegt. Die 0 Grad- bzw. 360 Grad-Markierung musste genau nach Norden ausgerichtet werden. Über dem Gradkreis wurde auf der Grundplatte im Mittelpunkt drehbar eine einfache Peil- und Visiereinrichtung angebracht. In der Regel bestand sie 

Der Feuerwachturm auf dem Weinberg 1964

Besuch auf der Kanzel 1959, - li. „Wächterin“ Frau Winkler,
- im Vordergrund der Peilkreis

Peilkreis mit Visiereinrichtung

lediglich aus einem metallenen Visierstab mit Kimme und Korn zur
Anpeilung des Brandes.

Die Übermittlung erfolgte in der Regel durch das Telefon. In der jeweiligen Zentrale der Feuerwachtürme wurde die Ortung der Brände nach den von den einzelnen Türmen übermittelten Gradzahlen mit Hilfe des Einschneideverfahrens vorgenommen. Zu diesem Zweck waren auf einer Karte die durch Waldschneisen gekennzeichneten mehr als 45 Hektar großen Quadrate (Jagen) verzeichnet und nummeriert.
Um die markierten Türme waren auf der Betriebsübersichtskarte
die Gradzahlkreise eingezeichnet. Am Standort der Türme wurde ein Faden befestigt, mit dem quer über die Karte leicht die von Turm 1 angegebene Richtung des Brandes festgelegt werden konnte. Das gleiche erfolgte mit der von Turm 2 angegebenen Richtung. Der Schnittpunkt der beiden Fäden gab den Ort des Brandes auf der Karte an.
Auf jedem Turm befand sich ein Wachbuch, in das Beginn und Ende der täglichen Besetzungszeit, die ausgeführte Prüfung des Telefons sofort nach Besteigen des Turmes, die Uhrzeit der Brandbeobachtung, die ermittelte Gradzahl, Farbe und Umfang des Rauches, Zeitpunkt und Person der Meldeabgabe sowie Inhalt und Zeitpunkt von Rückfragen eingetragen wurden. 

Walter Seitz war ein weit über die Grenzen Muskaus hinaus bekannter Forstmann. Fast dreißigjährig trat er am 1. Juli 1892 in die Dienste der Muskauer Herrschaft. Als Oberförster übernahm er als Verwalter die Oberförsterei Waldschloss, später Jagdschloss. Mit der Beförderung zum königlich preußischen Forstmeister wurden seine vielseitigen Verdienste gewürdigt. Er beschäftigte sich besonders mit Züchtungsproblemen bei Eichen, Kiefern und auch bei Rotwild und lieferte zahlreiche praktische Verbesserungsvorschläge. Die Monokultur auf der ca. 25 000 Hektar großen Waldfläche warf Probleme auf, die erst in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts voll erkannt wurden. Wegen Insektenfraß mussten von 1906 bis 1990 Mehreinschläge von rund 10 000 Festmetern vorgenommen werden. Einer anderen Gefahr, nämlich dem Waldbrand, beugte die Forstverwaltung vor, indem sie auf Anregung von Oberförster Walter Seitz auf erhöhten Geländepunkten Feuerwachtürme mit einer Meldeeinrichtung baute. 

Als Standort für den Feuerwachturm in Muskau wurde die mit 160 Metern höchste Erhebung des Bergparkes – der Weinberg – genutzt. Auf einem heute noch erkennbaren massiven Betonsockel wurde der schlanke Turm errichtet. Stabil gezimmerte Treppen führten zu der in ca. 32 Metern Höhe befindlichen Aussichtskanzel. Durch die bogenförmigen Ausblicke eröffnete sich bei schönem Wetter und klarer Sicht ein herrlicher Panoramablick. Teile des Bergparkes, einzelne Gebäude von Muskau, Krauschwitz und Lugknitz, das Neißetal mit dem aufsteigenden Oberpark und ganz in der Ferne die Berge der Oberlausitz und des schlesischen Gebirges waren mit bloßem Auge auszumachen. Der Turm fiel durch seine schlanke und grundsolide Form besonders auf und die Badegäste des ehemaligen Hermannsbades nutzen ihn, in Absprache mit der Gräflichen Badeverwaltung, als beliebtes Wanderziel. Und auch später fanden die Kurgäste der Turmvilla und der Villa Caroline den Weg hinauf zum Weinberg und baten das zur Beobachtung
von Waldbränden eingeteilte Personal um eine Besichtigung.

1964 - das Ende

Obwohl wir als Kinder und Jugendliche im Winter überwiegend den Skihang nutzten, reizte uns natürlich auch der unerlaubte Aufstieg auf den Feuerturm – Voraussetzung war, dass der Parkwächter Ullrich nicht zu sehen war! Der Turm gehörte zu dieser Zeit nicht zur Parkverwaltung, sondern wurde vom Forstamt Weißwasser genutzt und in den Sommermonaten mit Personal besetzt.

Der Zahn der Zeit nagte auch an diesem Holzbau und der Verfall war unaufhaltsam. 1964 setzte Herr Lenz, Sprengmeister beim Forstamt Weißwasser, seine Sprengladungen an und das Seitz‘sche Erbe war nur noch ein großer Holzhaufen.
Etwa zeitgleich wurde auf einem Geländevorsprung oberhalb des
Weinbergsees ein 35 Meter hoher Holzturm errichtet. Dieser Bau hatte nichts mit dem Waldbrandschutz zu tun, sondern war einTrigonometrischer Punkt (TP), ein Fest- und Eckpunkt im Landesdreiecksnetz der Landesvermessung. Um 1970 war auch dieser hohe Turm so baufällig, dass er von der Parkverwaltung aus Sicherheitsgründen umgelegt wurde. Heute kennzeichnet ein eingenordeter Granitstein diesen Trigonometrischen Bodenpunkt.

Trigonometrischer Bodenpunkt, Höhe 159,9 Meter 2014

Die Stiftung „Fürst-Pückler-Park Bad Muskau“ hat ja als weitgestecktes Ziel die Belebung des Badeparkes und der dahinter liegenden Schluchten ins Gespräch gebracht. Noch steht das gut erhaltene Betonfundament des ehemaligen Feuerwachturms und ein geschmackvoller Aussichtsturm würde den Außenpark allemal beleben. Ob dieser in die Pücklersche Parkidee passt, weiß ich nicht, aber plante nicht Pückler zu seiner Zeit ein Observatorium – was immer er auch darunter verstand – an der Grenze zur Braunsdorfer Feldflur in einer Höhe von 168 Metern? 

Am Felixsee bei Bohsdorf oder im Lugknitzer Bergbaurestgebiet kannman  beispielhafte Türme bewundern.


Verw. Literatur, Arnim/Boelke
Lutz Stucka, Forstmeister Walter Seitz
Text und Fotos: Hans Schmidt

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