Friedrich Hamelmann – Stallmeister, Fahrkünstler und Buchautor
Helga Heinze, Krauschwitz 2026
Geschichte
Stets beschäftigten die Muskauer Standesherrn einen in Pferdezucht und -haltung ausgebildeten Stallmeister. Er trug die Verantwortung über das Stallpersonal und die herrschaftlichen Pferde. Der erste Stallmeister nach dem Dreißigjährigen Krieg war Joachim Lotz aus Hessen. Nach seinem Tod in den 1680er Jahren, lassen sich Johann Abraham Hauenstein aus Dresden und Friedrich von Oberländer in dieser Stellung finden. Alle Stallmeister besaßen die Anrede „titulus Herr“ und zählten somit zu den herrschaftlichen Beamten. Nach der Entlassung des Stallmeisters Herrn von Geispitzheim 1780, klafft eine geschichtliche Lücke. Ihm folgten 1863 Friedrich Hamelmann, Carl Prostmeyer, Wilhelm Heinrich Speess und 1885 Adolf Bredendiek aus Holzendorf bei Prenzlau.1 Nachfolgend soll das interessante Leben des Friedrich Hamelmann nähere Beachtung finden.
Friedrich Hamelmann in Muskau
Der Stallmeister Friedrich Hamelmann wurde am 18. Februar 1834 in Hannover geboren und kam im Januar 1863 nach Muskau.2 Hier erhielt er ein Einkommen von 600 Talern, freie Wohnung, Heizung, Beleuchtung und etwas Gartenland.3 Im Zettelkasten von Heimatforscher Werner Manno befindet sich die Information, dass er 1864 Bertha Geiseler, die Tochter eines Gubener Tuchfabrikanten, geheiratet hatte, was sich aber auf Nachfrage in Guben nicht bestätigen ließ. Hamelmanns Schwester Rebecca Margarethe Sophie kam 1873 mit ihrem Ehemann Carl Prostmeyer, der als Nachfolger seines Schwagers die Stellung des Stallmeisters übernahm, nach Muskau. Prostmeyers Sohn Carl jun. wurde Oberfahnenschmied – Hufschmied beim berittenen Militär – in Berlin und heiratete 1905 die Tochter des Schmiedemeisters Karl August Löbel in Muskau (s. Beitrag zur Schmiedefamilie Löbel). Dass sich ein Stallmeister auch mit der Tiermedizin befasste, zeigt die Anzeige von 1878.

Muskauer Anzeiger, 27. März 1878
Friedrich Hamelmann erfreute sich in Muskau und Umgebung großer Bekanntheit, denn „Hamelmann war der berühmte Marstall-Verwalter, der achtspännig vor dem Amtshause eine 8 fahren konnte!“4 Ein Bild davon befand sich im damaligen Heimatmuseum in der Jakobskapelle und fiel 1945 Plünderung und mutwilliger Zerstörung zum Opfer. Schade, denn darauf könnte man sehen, welche Kunst im Fahren auf diesem kleinen Platz vor dem Amtshaus besteht. In seinem Fach gelangte er zu hohem Ansehen und betätigte sich auch als Buchautor. 1872 erschien das 250 Seiten umfassende und 21 Abbildungen beinhaltende Werk „Die Fahrkunst. Gründliche Unterweisung für Equipagenbesitzer und Kutscher über rationelle Behandlung und Dressur des Wagen-Pferdes, Ausspannung und Fahren.“ Darin kritisierte Hamelmann das unverhältnismäßige Interesse an der Reitkunst im Gegensatz zur Fahrkunst. Schon Jahre zuvor schlug er in einem Aufsatz im Berliner „Sporn“ Fahrschulen für Kutscher vor. Da kaum Literatur zu diesem Thema existierte, fühlte sich Hamelmann bestärkt, darüber einen umfangreichen Text zu verfassen. Hier konnte er seine Erfahrungen aus dem Königlich Hannoverschen Marstall und seine weitere Berufserfahrung als Prinzlich Niederländischer Stallmeister in Muskau einbringen, wobei ihm eine würdige Behandlung des Pferdes grundlegend erschien. Mehrere Beispiele „krepirter Pferde“ in der Muskauer Geschichte lassen vermuten, dass der Pflege und Betreuung von Kutschpferden wenig Augenmerk geschenkt worden war. Im Oktober 1871 schrieb Friedrich Hamelmann in Muskau sein Vorwort:
„Möchte dieses Buch sowohl bei Fachkennern als Laien eine günstige Aufnahme finden und allgemeinen Nutzen verbreiten!“5
Und so kam es auch, denn das Buch erweckte großes Interesse und erhielt mehrere Nachauflagen, da es erstmalig das Thema Fahrkunst zum Inhalt hatte.


Friedrich Hamelmann „Die Fahrkunst“, Leipzig 1872

Abschied von Muskau
Friedrich Hamelmann gab im Januar 1873 sein Amt als Stallmeister Seiner Königlichen Hoheit des Prinzen Friedrich der Niederlande in Muskau auf, um an den Hof des Fürsten Carl Anton von Hohenzollern-Sigmaringen zu wechseln. Um die Vermittlung kümmerten sich mehrere Militärs, darunter Roth von Schreckenstein und von Rauch in Berlin. Bei Letzterem handelt es sich mutmaßlich um den preußischen General der Kavallerie Alfred Bonaventura von Rauch (1824 – 1900), der ab 1875 die Leitung der Pferdeausbildung im Kriegsministerium übernahm.6 Hamelmann fiel die Trennung von Muskau nicht schwer, da er sich mit acht alten Wagenpferden völlig unterfordert sah und auf eine neue Möglichkeit, seine Talente zu zeigen, hoffte. Dazu ist zu bemerken, dass sein hiesiger Arbeitgeber, Prinz Friedrich der Niederlande, nur besuchsweise auf Schloss Muskau weilte. Letztendlich stimmte der Prinz seinem Entlassungsgesuch zu und bezeugte ihm während seiner 10-jährigen Tätigkeit eine tadellose Führung. Besonders zeichnete er sich durch seine Sachkenntnis beim Ankauf von Pferden sowie bei der Pflege und Wartung derselben aus. „Musterhafte Ordnung hielt er bei der Verwaltung des gesammten Marstall-Inventars an Wagen, Geschirren, Liwreen und Utensilien. […] Herr Hamelmann hat sein hiesiges Amt selbst aufgegeben, um in den Dienst Sr. Königlichen Hoheit des Fürsten von Hohenzollern-Sigmaringen zu treten.“7

Brief der Königlich Prinzlich Niederländischen General-Verwaltung
unter Theodor Rieloff vom 3. Januar 1873
im Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Staatsarchiv Sigmaringen
Er verabschiedete sich von seinen Freunden mit einer Lebewohl-Anzeige und die Muskauer mit einem englischen Lebewohl-Gedicht.8
Thou art and leavest a nobleman!
Therefore it sounds aut of all throats:
Farewell, farewell, friend Hamelmann!


Muskauer Anzeiger, Januar 1873 Muskauer Anzeiger, 11. Januar 1873.
Zu seinen Ehren fand am 4. Januar 1873 im Restaurant Niederländischer Hof ein Abschiedsessen statt. Dazu erhielten die Gäste nach dem Eintrag in eine Liste und gegen Erlegung eines Geldbetrages ein Teilnahme-Couvert. Nach dieser reichlich besuchten Veranstaltung trat Friedrich Hamelmann am Nachmittag des 8. Januar 1873 seine Reise nach Sigmaringen an.9
Friedrich Hamelmann in Sigmaringen
Im Februar 1873 trat Friedrich Hamelmann in Sigmaringen die Stelle als Stallmeister des Fürstlich Hohenzollernschen Marstalles an. Vorerst befand er sich im Probejahr mit einem Gehalt von 750 Talern und konnte ohne Familie im Marstall bei kostenloser Heizung und Beleuchtung freies Quartier beziehen. Doch richtete er seinen Hausstand schon bald auf eigene Kosten in der Stallmeisterwohnung ein. Von der erhaltenen Gala- und Dienst-Uniform hatte er letztere stets verpflichtend zu tragen. Bei Dienstreisen zum Ankauf von Pferden standen ihm die Reisekosten und ein Tagegeld von drei Talern zu.10 Selbst die Reise- und Transportkosten bei der Übersiedlung von Muskau nach Sigmaringen übernahm der Fürst.11 Da dem Ehepaar Hamelmann die Stallmeisterwohnung zu klein erschien, entstanden im Sommer 1873 durch den Aufbau eines Querstockwerkes zwei Wohnzimmer.12 Nach Beendigung des Probejahrs erhielt er eine Besoldung von 800 Talern und einen Pensionsanspruch mit einer Dienstzeit ab dem Jahre 1863, als er in Muskau begonnen hatte. Bereits 1873 erhielt er als Fürstlich Hohenzollernscher Stallmeister vom König die Erlaubnis „zur Anlegung der ihm verliehenen Ritter-Insignien zweiter Klasse des Herzoglich Anhaltischen Haus-Ordens Albrechts des Bären.“13 Hamelmann hatte Seiner Hoheit dem Erbprinzen von Anhalt Fahr-Unterricht erteilt und „die übrigen Prinzen von Anhalt bei Hochdero Anwesenheit am Fürstlichen Hofe in Krauchenwies im Reiten u. Fahren instruirt.“14 Den Königlichen Kronen-Orden vierter Klasse verlieh ihm der König im Jahre 1877.15 In Krauchenwies befand sich der Sommersitz der Hohenzollernschen Fürstenfamilie.
Fürst Carl Anton schien mit Hamelmanns Leistungen sehr zufrieden zu sein, denn er ordnete 1875 eine weitere Gehaltserhöhung an.16 Doch schon Anfang Juni 1876 riet der Arzt Prof. Liebermeister aus Tübingen Hamelmann zu einer Kur, die er aber wegen Unabkömmlichkeit nicht antreten durfte. Ein erneutes Attest besagte: „Herr Stallmeister Hamelmann leidet seit Monat August d. J. an rheumatischen Schmerzen in den Extremitäten und in der Brust. Seit etwa 4 Wochen zeigte sich eine rheumatische Hirnhaut-Reizung.17 Seine Sinnesorgane fielen zeitweise aus, Denken und Sprechen waren gestört. Dazu kamen die großen Schmerzen im vorderen Teil des Gehirns. Aus diesem Grund riet sein behandelnder Arzt im August 1876 zu einer Kur an der See. Doch vorher musste noch Hofrat Dr. Koch seine Einwilligung dazu geben und so zog sich der Beginn der Auszeit noch länger hin. Ob Hamelmann die Seereise wirklich antrat, ist nicht nachgewiesen. Am 25. Oktober morgens 2 Uhr starb der vormalige Königlich Prinzlich Niederländische und nun Fürstlich Hohenzollernsche Stallmeister Ernst Friedrich Hamelmann in Sigmaringen.

Auch in Muskau traf die Nachricht von seinem plötzlichen Tod ein, nachdem ihm seine Gattin schon am 16. August vorausgegangen war. Da er kinderlos starb, setzte eine Verwandte seiner Frau aus Berlin die Annonce auf. Der Muskauer Anzeiger rühmte ihn nachträglich als eine große Persönlichkeit in Bezug auf die Fahrkunst, denn viele hohe Persönlichkeiten zählten, wie auch der verstorbene König von Schweden, zu seinen Schülern. Es war nicht nur seine Tüchtigkeit als Stallmeister und Fahrkünstler, die ihm ein bleibendes Andenken sicherte, sondern auch sein „edler Charakter, sein angenehmes, liebenswürdiges und tief fühlendes Wesen.“18
Muskauer Anzeiger, 31. Oktober 1877
Quellen:
1 Inf. von Thomas Hans-Otto Bredendiek, Berlin.
2 Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Staatsarchiv Sigmaringen FAS DS 79 T 1 NVA 15215 Personalien des Stallmeisters Friedrich Hamelmann, 1873-1877, Seite 1.
3 Ebd., Brief von Rauch, Berlin 21. November 1872.
4 Sammlung des ehemaligen Stadt- und Parkmuseums Bad Muskau, Text zum Verein Ring, handschriftlich o. Verfasser, o. D.
5 Hamelmann, Friedrich: Die Fahrkunst. Vorwort des Verfassers, Leipzig 1871.
6 de.wikipedia: Alfred Bonaventura von Rauch.
7 Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Staatsarchiv Sigmaringen FAS DS 79 T 1 NVA 15215 Personalien des Stallmeisters
Friedrich Hamelmann, 1873-1877, Seite 2 und 3.
8 Muskauer Anzeiger, 3. Januar 1873.
9 Muskauer Anzeiger, 8. Januar 1873.
10 Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Staatsarchiv Sigmaringen FAS DS 79 T 1 NVA 15215 Personalien des Stallmeisters
Friedrich Hamelmann, 1873-1877, Seite 4.
11 Ebd., Seite 5.
12 Ebd., Seite 8.
13 Muskauer Anzeiger, 17. Oktober 1874.
14 Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Staatsarchiv Sigmaringen FAS DS 79 T 1 NVA 15215 Personalien des Stallmeisters
Friedrich Hamelmann, 1873-1877, Seite 12.
15 Muskauer Anzeiger, 18. August 1877.
16 Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Staatsarchiv Sigmaringen FAS DS 79 T 1 NVA 15215 Personalien des Stallmeisters
Friedrich Hamelmann, 1873-1877, Seite 14.
17 Ebd., Seite 21.
18 Muskauer Anzeiger, 31. Oktober 1877.
