Caspar Crusius und ein Bücherschatz von 1671
Helga Heinze, Krauschwitz 2026
Wenn ein Zeitzeuge im 17. Jahrhundert eine Beschreibung der Geschichte der Stadt anfertigt, so ist das für uns heute ein großer Schatz. Im Jahre 1668 erschien ebendieser Text unter dem Titel „Moskoviæ decus eximium; carmen heroicum“ in lateinischer und 1671 unter dem Titel „Muszkauische Kirchen-Zierde“ in deutscher Sprache. Der Verfasser war ein gebildeter poetischer Diener Gottes Namens Johann Caspar Crusius. 1635 in Lauban geboren, übernahm er nach seinem Theologiestudium in Leipzig 1661 die Kantorenstelle der Muskauer Stadtkirche. Mit seiner Ehefrau – Pfarrerstochter Anna Maria Preller aus Spiller (heute Pasiecznik/PL) unweit von Löwenberg – hatte er hier neun Kinder. 1678 verließ er Muskau, um in Görlitz den Küsterdienst an der Peterskirche anzutreten. Dort war er 1691 im Alter von 55 Jahren gestorben.



„Muszkauische Kirchen Zierde“, Guben 1671
In seiner Muskauer Zeit als Kantor begann sich Crusius schriftstellerisch zu betätigen. Neben mehreren gedruckten Texten entstand die oben erwähnte „Muszkauische Kirchen-Zierde“. Mit dem Druck dieses Werkes betraute er Christoff Gruber in Guben. Mehrere Mitglieder in Crusius‘ Familie betätigten sich im Buchbinderhandwerk. Seine Schwester Dorothea heiratete 1672 den Gubener Buchbindermeister Hans Peter. Seine Tochter Anna Dorothea geb. 1663 heiratete den Buchbinder David Böhm in Muskau, seine Tochter Anna Maria geb. 1669 den Buchbinder Caspar Friedrich Krause in Stargard/Pommern. Seine Söhne Johann Christian geb. 1664 und Johann Daniel geb. 1667 übten beide in Görlitz diesen Beruf aus.
In der Kirchen-Zierde schrieb Crusius seine Gedanken zur Entwicklung des christlichen Glaubens in der Stadt Muskau nieder. Alle Beobachtungen setzte er stets in einen entsprechenden biblischen oder weltlichen Kontext. Dazu zitierte er elf Schriftgelehrte des 16. und 17. Jahrhunderts, die er im vorangestellten Literaturverzeichnis zusammenfasste. Das seiner Herrschaft in Person des Landvogts Curt Reinicke von Callenberg (1607 – 1672) und seiner Gemahlin Ursula Catharina geborene von Dohna (1623 – 1671) gewidmete Buch erhielt eine achtseitige Einleitung. Unter der Überschrift „An den Leser“ ist folgender Vierzeiler zu lesen:

„Es bleibt nichts / was gleich wolgemeint ist / unveracht!
Wer wissen wil / warumb ich diese Schrifft gemacht /
Der lese nur hierin den allerletzten Bogen /
Und bleibe mir so dann mit Mund und Hertz gewogen.“

„Sonnet“ für Muskau, Autor T. H. D.
„Drumb möcht’ ein Frembder wol nach deiner Zierde fragen
Man pflegt schon manche Zeit ein Sprichwort hie zu sage[n]:
Das Schloß / die neue Kirch’ / und dan[n] das weisze Bier /
Die sind (und ist gewiß) O Muszkau / deine Zier.
Das auf der nächsten Seite abgedruckte Sonett ist mit den bisher nicht aufgelösten Buchstaben T. H. D. unterschrieben. Danach folgen 856 über Muskau gedichtete Zeilen, womit Johann Caspar Crusius als Kirchenpoet in die Geschichte einging. Ab Zeile 67 sind die später noch oft zitierten, die Stadt Muskau auf drei wichtige Dinge reduzierten Verse nachzulesen.
Nach 856 Versen folgen „Historische Anmerckungen und Erklärungen etlicher Sachen“ und danach ein „Kurtzer Bericht von den übrigen dreyen Kirchen“. Dabei ist die „Alte/oder wendische Kirche“, die „Begräbniß-Kirche vorm Thor“ und die „Berg-Kirche“ beschrieben.
Dieser Text beinhaltet nicht nur Informationen zu den Kirchengebäuden und deren Baumeistern, sondern noch viele historische Details wie z.B. zu den Glocken, Grüften oder Orgeln. Crusius war einer der Ersten, die aufzuschreiben begannen, nachdem alle städtischen und herrschaftlichen Dokumente im Dreißigjährigen Krieg unwiederbringlich verbrannt waren.
Im nächsten Bereich zählt Crusius alle in Muskau angestellten Pfarrer, Diakone, Kantoren, Kirchväter und Küster jener Zeit auf. Am Schluss kommt „In sich haltend die Ursachen dieser Außfertigung / an den Leser.“
„Wer an die Strasse bauet / hoch-geneigte Leser / der muß gegenwärtig seyn / was für Urtheil von den vorbey Reisenden über seinen Bau gesprochen werde: Also der etwas durch offentlichen Druck herauß giebet / muß mancherley Urtheil darüber leiden. Welches auch mir über diese gegenwärtige Lobschrifft unserer Kirchen und seinen Gottesdiensts / so ich unter dem Nahmen: Mußkau sche Kirchen Zierde / gleichsam an die Strasse ins Gesicht hinstelle / wiederfahren / und einer so / der ander anders davon urtheilen wird.“ Sicher haben auch andere Städte in der Lausitz schöne Kirchen, doch „Ich wolte mich dadurch nur sehen lassen. Ein Frembder köndte sagen: Er möchte diese Kirche gerne sehen […].“ Damit fand Crusius bereits einem Weg, die Stadt für Fremde interessant zu machen, doch folgte er auch seiner Berufung, die Muskauer bei Gottesdiensten und im Schulunterricht im Christentum zu unterweisen. Denen, die ihn an der weitläufigen Beschreibung angeblich unnötiger Dinge kritisierten, antwortet er mit Martin Zeiler (1589 – 1661) „daß man auch die geringsten Sachen einbringen solte; […] weil es uns für Augen liegt / und nicht bedencken / daß wir und sie nicht ewig leben werden / und das alles den Enderungen unterworffen sey / und daher alles genau mit allen Umbständen einbringen solten / damit die nachkommenden von ihrer Vor-Eltern Zeiten desto besser Nachricht haben möchten.“ Obwohl Crusius sich nicht als Historiker bezeichnete, hielt er an der ausführlichen Beschreibung der Zustände fest. Für uns heute ein großes Glück, denn innerhalb von 355 Jahren hat sich in Muskau alles verändert.


Teilungs-Rezess von 1635 Chronik von A. Hosemann, 1615
Hier endet die Kirchen-Zierde, jedoch dieses Buch nicht, denn es folgen noch viele Anhänge. Eine handschriftliche Abschrift vom „Recess. Die Abtretung Ober und Nieder Lausitz betrefende ao. 1633“ endet mit „Johann George Chur Fürst zu Sachsen, Prag 20. May 1630.“ Dem schließt sich der „Extract einer von Abrahamo Hossmano-Laubanensi Lusato Sax. Majest. Historico“ 1615 in Muskau hinterlassenen Chronik an. Diesen Abraham Hosemann aus Lauban (1561 – 1617) bezeichnete der Archivar und Historiker Colmar Grünhagen (1828 – 1911) nicht ohne Grund als „Schlesischen Lügenschmied,“ deshalb übergehen wir dieses 71 Seiten umfassende Machwerk. Danach schließen sich die vom Standesherrn Curt Reinicke von Callenberg 1664 und 1666 erlassenenen Verordnungen, darunter das Bier-Urbar an.


Dann folgen wieder gedruckte Texte, zuerst über „Das von Gott in einer Zeit von 600. Jahren verschiedentlich mit theurer Zeit und Hungersnoth ernstlich heimgesuchte, iedoch gleichwohl gespeist, getränkt und nicht verlaßne Marggraffthum Ober-Lausitz“ von Johann Gottlieb Frenzel (1715 – 1780) aus dem Jahr 1771. Darin befindlich ein „Gedenkzeddel, davon, was in dem Marggrafthum Oberlausitz ein und das andere im Jahre 1762. gekostet und gegolten hat.“
Es schließt sich eine „Ausführliche Beschreibung von einem frommen Prediger aus Schlantitz bey Halberstadt – nebst einer zuverläßigen Todtenliste derer bey der grossen Theuerung und Hungersnoth in Chur-Sachsen und anderwärts verschmachteten Menschen“ an. Da sich weder der Ort Schlantitz noch der Name des Predigers identifizieren ließ, könnte es sich wohl um einen bewusst anonym gedruckten Text handeln.
Buchtitel und „Gedenkzeddel“ von Johann Gottlieb Frenzel, 1771


Beschreibung eines frommen Predigers aus Schlantitz und Totenliste, 1773


Titel und erste Seite des Einzugs des türkischen Botschafters Ibrahim Bassa, 1700
Mit dem Text „Ausführliche Beschreibung des Türckischen Groß-Bothschaffters/ IBRAHIM BASSA & C. prächtig gehaltenen Einzugs/ In die Kayserliche Haupt- und Residenz-Stadt Wien/ So geschehen den 30. Januarii/ Anno 1700. DRESDEN/ gedruckt mit Schroetelischen Schrifften“ endet das vorliegende zwischen Pappdeckeln mit Ledereinfassung gebundene Buch.


Einträge auf der Innenseite von 1787 und 1831
Die beiden Einträge auf der Innenseite des Buches erzählen von seinen Besitzern. Die „Mußkauer Kirchen Zierde von dem Cantor Crusius von ao. 1571. Jahr geführt und von frischen eingebunden d. 9. 7br. [September] ao. 1782“ mit der Unterschrift des in Muskau 1750 geborenen, doch ohne Beruf aufgeführten, Gotthelf Ad[olph] Fried[rich] Dietrich. Der zweite Eintrag besagt, dass der Muskauer Superintendent Carl Petzold (1783 – 1866) dieses Buch im Jahr 1831 aus dem Nachlass des Fürstlich Pücklerischen Schlossintendanten Ludwig Traugott Heinrich Wolf (1750 – 1831) erworben hatte. Nach Petzolds Tod kam es in den Besitz der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde Bad Muskau-Gablenz. Da es meist nur für lokale Abnehmer bestimmt war, hatte es sicher nur eine kleine Auflage und zählt heute als Rarität. Neben der Kirchen-Zierde von 1671 beinhaltet dieser Bücherschatz weitere Handschriften und gedruckte Texte, deren Inhalt historisch nicht weniger bedeutsam sind und weiterer Bearbeitung harren.
Mit Dank an die Evangelische Gesamtkirchengemeinde Bad Muskau-Gablenz und an
Dr. Steffen Menzel, Oberlausitzische Bibliothek der Wissenschaften Görlitz
