Die Muskauer Friedhöfe
Regina Barufke, Helga Heinze 2025
Der Alte Friedhof
Der als „Alter Friedhof“ bezeichnete Begräbnisplatz an der Jakobskapelle – seit 1960 Jakobskirche – besitzt eine fast 500-jährige Geschichte. 1888 aufgelassen, zeigt er sich heute dem Besucher mit einigen erhaltenen Grabstellen und dem rekonstruierten Grufthaus als Ort der Begräbniskultur des 19. Jahrhunderts. Zu den bekanntesten hier bestatteten Personen zählt Fürst Pücklers Reisebegleiterin Machbuba (um 1825 – 1840) – in ihrer Heimat Bilillee genannt – der Muskauer Dichter und Komponist Leopold Schefer (1784 – 1862) und der Parkinspektor Jacob Heinrich Rehder (1790 – 1852).


Grabstätte Leopold Schefer, F. Dutsch 2024
Grabstätte Machbuba, 2015

Lage des Kapellenbergs, Parkkarte 1926
1502 stand erhöht außerhalb der Stadt eine dem Apostel Jacobus geweihte hölzerne Waldkapelle. Die Bezeichnung „Kapellenberg“ an der Stelle unweit der Neiße vor den Badebergen deutet auf die einstige Lage hin. Nachdem Fabian von Schönaich (1509 – 1591) die Muskauer Herrschaft im Jahre 1558 erkaufte, reifte der Plan aufgrund des hier lagernden Alauns an dieser Stelle ein Bergwerk zu errichten. Deshalb ließ er 1564 die Kapelle abbauen und auf einen Acker am Köbelner Tor – nördlicher Ortsausgang der Stadt – wiedererrichten, wo sie auf dem bereits 1550 dort angelegten Friedhof als Kapelle diente.1
So lange die zum Kirchspiel Muskau gehörigen Dörfer keine eigenen Friedhöfe besaßen, mussten die Bewohner ihre Verstorbenen nach Muskau bringen, um sie auf dem Friedhof an der Jakobskapelle zu beerdigen. Das betraf die Dörfer: Sagar, Skerbersdorf, Keula, Weißkeissel, Heide, Brand, Braunsdorf, Lugknitz und Köbeln. Im Jahre 1800 mussten 50 Verstorbene auf dem langen und beschwerlichen Weg aus diesen neun Dörfern nach Muskau gebracht werden. Die Anzahl erhöhte sich in den nächsten 25 Jahren stetig, danach erhielten die umliegenden Dörfer auf behördlichen Beschluss ihre eigenen Friedhöfe. Die Angaben dazu sind dem Muskauer Hofprediger Hermann Traugott Pannach zu verdanken, der sie akribisch als Nebenbemerkung im Kirchenbuch der evangelischen Landgemeinde eingetragen hatte. Dabei zeigt sich Skerbersdorf im Jahre 1826 als Vorreiter. Es folgten 1831 Sagar, Brand und Weißwasser, 1832 Haide, Weißkeissel und Keula, 1834 Köbeln, 1835 Lugknitz und Krauschwitz und schließlich Braunsdorf 1837. Dadurch erfuhren sowohl der Muskauer, als auch der Friedhof an der Feldsteinkirche eine Entlastung.

Alter Friedhof an der Jakobskapelle, um 1920
Der Friedhof an der Bergschen Kirche
Um die oberhalb der Stadt gelegene Feldsteinkirche – vermutlich um 1200 erbaut – befand sich seit Errichtung der Muskauer Stadtkirche der Gottesacker des Dorfes Berg. Auf diesem durften bis zur Anlage der eigenen Friedhöfe auch die Bewohner der ebenfalls zum Kirchspiel Muskau gehörenden Dörfer Krauschwitz und Weißwasser ihre Verstorbenen beerdigen lassen, da sie dem Ort Berg entfernungsmäßig nahe lagen.2
Nachdem dieser Friedhof am 1. Juli 1905 geschlossen wurde, entstand in der Nähe ein neuer kommunaler Friedhof. Auch die Dörfer Krauschwitz und Weißwasser hatten inzwischen schon ihre eigenen Friedhöfe, so dass nun die Bewohner von Berg ihren Begräbnisplatz für sich hatten. Das inzwischen „wüste und verlotterte“ Friedhofsareal mit der Bergkirchenruine drohte zur Gefahr zu werden. Die Evangelische Kirchengemeinde Muskau Land, seit 1862 Besitzerin dieses Areals, bat Graf Hermann von Arnim um finanzielle Unterstützung bei der notwendigen Erhaltung der Ruine, da sie die veranschlagten ca. 5.000 RM nicht aufbringen konnte. Der Standesherr lehnte dies ab, unterbreitete jedoch den Vorschlag, das Grundstück an die „Graf von Arnim‘sche Waldgutstiftung“ zu verkaufen. Am 19. April 1937 erfolgte die Umschreibung im Grundbuch auf diese Stiftung, die es in den Park einbezog und umfassend sanierte. Dabei mussten die Interessen der Grabstellenerwerber bis zum Erlöschen sämtlicher Rechte erhalten bleiben. Das betraf die Grabstellen der Familien Kasporick, Kubo, Glowna, Grabig, Tschammer, Scheibe, Warko und Golnack.3


Friedhof an der Bergkirche, 1875
Bergsche Kirchruine mit Friedhof, um 1900
Der Friedhof für Burglehn
Für die in Burglehn – um das Schloss gelegener Gutsbezirk – sowie auf den herrschaftlichen Gütern Verstorbenen, diente der freie Platz um die 1622 errichtete Stadtkirche als Gottesacker. Zur westlichen und südlichen Seite von einer Mauer umgeben, besaß der Kirchhof vier Eingänge.4 Nach dem Stadtbrand von 1766, dem die gesamte Innenstadt zum Opfer fiel, kam es im Zuge des Wiederaufbaus zur Neuordnung der Stadtanlage. Daraufhin könnte man annehmen, dass es danach den Friedhof dort schon nicht mehr gab, wie es ein Stich aus der Mitte des 19. Jahrhunderts andeutet. Anhand alter Karten ist er jedoch auf dem neuen Standort oberhalb der Stadt beim Dorfe Berg erst nach 1926 zu finden.5 Eindeutig könnte diese Frage nur ein schriftliches Dokument der Eröffnung beantworten, das bisher nicht vorhanden ist.

Friedhof Burglehn,1960er Jahre
Der Nordfriedhof
1813 brachten aus dem Russlandfeldzug zurückziehende Soldaten das Fleckfieber mit, das sich rasant ausbreitete und zu vermehrten Sterbefällen im Kirchspiel Muskau führte. In jenem Jahr musste der Alte Friedhof insgesamt 188 Tote aus der Stadt und den neun Dörfern aufnehmen. Doch die Anlage eines neuen Friedhofs sollte sich noch viele Jahre hinziehen.
Da die Standesherrschaft Muskau ab 1815 zu Preußen gehörte, sollte sie sich nach dem Allgemeinen Preußischen Landrecht von 1806 an das Verbot von Bestattungen innerhalb bebauter Flächen richten. Als der Platz knapp wurde und die Stadtgrenze schon längst hinter dem Gottesacker an der Jakobskapelle lag, sollte die Entscheidung, ab 1826 Bestattungsplätze in den Dörfern anzulegen, die Situation entschärfen.
Als Muskau 1872 erneut von einer Pockenepidemie heimgesucht wurde, machte der Königliche Kreisphysikus Dr. Prochnow auf die Dringlichkeit der Anlage eines neuen Begräbnisplatzes außerhalb der Stadt aufmerksam, was die Stadtverordneten jedoch ablehnten.8 Noch 1877 blockierten sie diese Bestrebungen mit der Begründung, dass „der alte Kirchhof noch auf mehrere Jahre hin zur Benutzung ausreichend ist.“9
Bis zur Eröffnung des neuen Friedhofs – „Nordfriedhof“ genannt – an der Berliner Chaussee im Jahre 1888 blieb der „Alte Friedhof“ an der Jakobskapelle der einzige gemeinschaftliche Begräbnisplatz, der „ohne Unterschied der Religion der Verstorbenen benutzt wird.“10 Der letzte auf diesem Friedhof Begrabene war der Töpfergeselle Christian Drochel, „ein treuer fleißiger Arbeiter“, der am 19. November mit 64 Jahren an Magenkrebs verstorben war. „Die feierliche Einweihung des Communal Friedhofs fand Dienstag, den 4. Dec. vor der ersten nachstehend eingetragenen Beerdigung statt.“11 Hierbei handelte es sich um den am 1. Dezember 1888 im Alter von 56 Jahren an Herzschlag verstorbenen, dem Trunke ergebenen, ehemaligen Fleischer Johann Ludwig Queißert.
Bis 1896 fehlte auf dem Nordfriedhof eine Begräbniskapelle, dem der Krauschwitzer Tonwarenfabrikant Ludwig Rohrmann (1848 – 1909) abhelfen konnte, indem er der Stadt Muskau 10.000 Mark zur Erbauung einer Begräbniskapelle und zur Unterstützung armer Kranker im hiesigen Krankenhaus schenkte.12 Wie die links neben dem Eingang eingelassene Marmortafel noch heute berichtet, unterstützte eine Spende der Witwe des Buchhändlers Zeh geb. Jördens aus Dresden zusätzlich den Bau.
Eine starke Bevölkerungszunahme und auch hygienische und bodentechnische Gründe beförderten im 19. Jahrhundert die Feuerbestattung. Dieser modernen und zunehmend beliebten Form der Bestattung wollte sich auch Muskau nicht verweigern. Im Oktober 1926 konnte Bürgermeister Glabisch den „neu geschaffenen, geschmackvoll mit Nadelholz bepflanzten Urnenhain auf dem städtischen Friedhof“ einweihen. Anschließend gelangte die Asche des vor einigen Wochen verstorbenen Glasmachers Brauer hier als erste in die Erde. Krematorien befanden sich zu dieser Zeit bereits in Görlitz, Guben, Hirschberg und Grünberg.13


Begräbniskappelle nach Fertigstellung
auf dem Nordfriedhof , um 1896
Erbbegräbnis der Familie
des Glasfabrikanten Raetsch, 2017
Die ehemalige Familiengrabstellen auf dem inzwischen 137 Jahre alte Nordfriedhof sind heute als Urnenbegräbnisstätte umgenutzt. Die im abgesperrten hinteren Teil befindlichen Erbbegräbnisstätten der für die industrielle Entwicklung Muskaus bedeutenden Fabrikantenfamilien zeigen sich in einem sehr schlechten Zustand. Hoffnung, dass sich auch jemand dieser Denkmale annimmt, gibt die 2020 abgeschlossene Rekonstruktion eines fast vergessenen Grufthauses am „Alten Friedhof“ auf Initiative der Evangelischen Kirchengemeinde Bad Muskau. Erste Ideen für die Begräbnisstätten auf dem Nordfriedhof gibt es bereits durch den Freundeskreis Historica, die aber nur gemeinsam mit der Stadtverwaltung umsetzbar sind.
Verschiedenes
Frevelhafte Zerstörung und Diebstahl auf Friedhöfen ist keine neue Entwicklung. Schon im 19. Jahrhundert litten Grabschmuck, Grabsteine und Pflanzen Schaden, weshalb manche Betroffene eine Geldsumme zur Ergreifung der Übeltäter aussetzte.
1884 ereignete sich auf „hiesigem Kirchhofe“ ein Selbstmord, wobei nicht klar ist, ob der Platz um die Kirche oder an der Jakobskapelle gemeint ist. „Am 9. d. Mts. [Dezember], Abends gegen 7 Uhr, erschoß sich mittels eines Revolvers auf hiesigem Kirchhofe, nur wenige Schritte rechts vom Eingange entfernt, ein fremder, gut gekleideter Mann im Alter von etwa dreißig Jahren.“14 Da ihn der Schuss nicht gleich getötet hatte, hörten Vorübergehende seine Klagelaute. Ins hiesige Krankenhaus transportiert, verstarb er nach drei Stunden, ohne dass er etwas über seine Person bekannt gab. Auch in seiner Kleidung waren keine Hinweise zu finden. Selbst aus seiner Leibwäsche hatte er die Zeichen entfernt. Die Polizeiverwaltung ließ den Toten zwecks Identifizierung vom Hoffotografen Bernhard Winkler ablichten und das Foto auslegen. Am 31. Dezember 1884 gab die Behörde den Toten als den 24-jährigen Julius Klär, Sohn eines Lehrers in Ober-Siegersdorf bei Freistadt in Schlesien, bekannt.15


Muskauer Anzeiger, 15. September 1886
Muskauer Anzeiger 1883
Muskauer Anzeiger 1878
Muskauer Anzeiger 1877

Muskauer Anzeiger, 17. Dezember 1884



Briefkopf von Möbeltischlerei und Sargmagazin Carl Kluge, Muskau 1927
Auf den Bedarf an Särgen hatten sich die Muskauer Handwerker stets gut eingestellt. Der Sattlermeister Carl Heller stattete einen für das Begräbnis angeschafften Leichenwagen aus. Dieser Wagen kam am 30. Januar 1886 bei der Beerdigung der 70-jährigen Adele Hehn geb. Bartickow – Witwe des Rittergutsbesitzers in Dubraucke – erstmalig zum Einsatz. „Außerdem hat, wie wir hören, Herr Heller noch einen besonderen Wagen für Kinderleichen angeschafft.“16
Wer es sich leisten konnte, ließ für seine Verstorbenen eine Trauerannonce sowie eine Danksagung im Muskauer Anzeiger veröffentlichen. Der Handelsgärtner August Schubert versorgte die Stadt nicht nur mit Pflanzen, Obst und Gemüse, sondern fertigte sowohl frischen als auch getrockneten Trauerschmuck an. Das besondere Angebot der Gärtnerei zum Totensonntag beinhaltete gebundene Kränze, Bouquets, Kronen, Anker, Kreuze sowie Palmenzweige.

Muskauer Anzeiger, 27. Februar 1886

Muskauer Anzeiger, 18. November 1885
Für ein Begräbnis konnte man die Schule, d.h. den Lehrer mit den Kindern, als singende Begleitung bestellen. Dabei kam es auf den Geldbeutel der Angehörigen des Verstorbenen an, ob der Lehrer mit halber oder ganzer Schule teilnahm.
„1826 verlangte der Lehrer in Köbeln:
a. Für eine Leiche mit Collecte 5 sgr.
b. Für eine Leiche mit Abdankung 11 sgr. 3 pf.
c. Für jedes bestellte Lied 1 sgr. 3 pf.
Nach der Einrichtung eigener Kirchhöfe zu Köbeln und Braunsdorf, war der Lehrer verpflichtet, bei Begräbnissen die Funktion des Pastors zu übernehmen. Dafür erhielt er:
a. mit Collecte (Ablesung eines Spruches und Segen) 21 sgr.
b. mit Abdankung (Ablesung des Lebenslaufes mit kurzer Einleitung) 5 sgr. “17
Später hat man aus finanziellen Gründen den Lehrern verboten, christliche Handlungen wir Beerdigungen durchzuführen. Am 26. Oktober 1937 beschloss der Gemeindekirchenrat, bei Begräbnissen keinen Schulchor mehr zuzulassen. „Die Gemeinde wird gebeten, bei Begräbnissen künftig nicht nur in d. Halle, sondern auch bei d. Feier am Grabe als Gemeinde in den gemeins. Gesang einzustimmen.“18
Quellen:
1 Langer, Christian Gottlieb „Kirchenchronik“.
2 Evang. Kirchengemeinde Bad Muskau, Todtenanzeigen für die Wendische St. Andreas-Kirche ab 1800.
3 Freundeskreis Historica Acta betreff Friedhof in Berg.
4 Muskauer Anzeiger, Zur dreihundertjährigen Gedenkfeier der Grundsteinlegung der evangel. Stadtkirche zu Muskau, 1922.
5 Roscher, Astrid, Stiftung „Fürst-Pückler-Park Bad Muskau“.
6 Lucy von Barclay de Tolly – Eine Muskauer Malerin, Muskau 2011, S. 10 und 11.
7 Evang. Kirchengemeinde Bad Muskau, Sterberegister 1. 1. 1892 – 31. 12. 1933.
8 Muskauer Anzeiger, 6. Januar 1872.
9 Muskauer Anzeiger, 15. August 1877.
10 Muskauer Anzeiger, 15. März 1873.
11 Nota im Kirchenbuch der evangelischen Kirche Bad Muskau, 1888.
12 Neuesten Nachrichten von Weißwasser und Umgebung, 1902.
13 Muskauer Anzeiger, 5. Oktober 1926.
14 Muskauer Anzeiger, 13. Dezember 1884.
15 Muskauer Anzeiger, 31. Dezember 1884.
16 Muskauer Anzeiger, 3. Februar 1886.
17 Die Geschichte der Schulen von Köbeln und Braunsdorf, 1826.
18 Protokoll Gemeindekirchenrat, 26. Oktober 1937.
Mit der Enteignung des Standesherrn nach 1945 endete die Existenz der Gutsbezirke und auch des Friedhofs Burglehn. Als Letzte wurde 1947 die Muskauer Malerin Lucy von Barclay de Tolly ihrem Wunsch entsprechend im Grab ihrer 1945 verstorbenen Mutter auf dem Burglehnfriedhof beigesetzt. In den 1960er Jahren kam es zur Einebnung der Grabstellen und zur Einbeziehung der einstigen Friedhofsfläche hinter der Bregrenzungsmauer des Bergschen Friedhof in den Bergpark. Zur Erinnerung an die Malerin Lucy von Barclay de Tolly ließ der Freundeskreis des Park- und Stadtmuseums an der Trauerhalle des jetzigen Bergfriedhofs eine Gedenktafel anbringen.6
Als letzter ist der Grabstein des Ehepaars Hirschfeld auf dem Gelände des einstigen Burglehnfriedhofs heute noch zu sehen. Ferdinant Christian Hirschfeld gehörte als gräflicher Badewärter zu den standesherrschaftlichen Bediensteten also zu den Burglehnern. Er starb am 26. Februar 1917, einen Tag nachdem er mit seiner Ehefrau die diamantene Hochzeit feierte und vom Superintendenten Nay ein Gnadengeschenk von 50 Mark erhielt. Seine Ehefrau Juliane Hirschfeld geb. Menzel starb am 6. Juli 1927 im Alter von 93 Jahren.7

Stadtkirche ohne Friedhof,
Leipziger Illustrierte, 1846


Letzte Grabstein auf dem Burglehnfriedhof von Ehepaar Hirschfeld, Astrid Roscher, 2025
