Pest, Pocken, Typhus – Epidemien in Muskau 

Helga Heinze, Krauschiwtz, 2025

Während des Dreißigjährigen Krieges erlebte Muskau und sein Umland Truppendurchzüge und Einquartierungen von tausenden Reitern und Fußvolk, die nicht nur alles verwüsteten, sondern 1631 zum großen Unglück die Pest einschleppten. Diese Krankheit dezimierte die Einwohner des Städtchens Muskau um fast die Hälfte. In den folgenden Jahrhunderten folgten weitere tödliche Krankheiten wie Blattern, Scharlachfieber und Ruhr, wobei die Bezeichnungen abweichen, da die Mediziner sie noch nicht eindeutig erkennen konnten.

Blattern ist eine durch Pockenviren hervorgerufene lebensbedrohliche Infektionskrankheit, bei der sich zuerst Fieber und Rachenkatarrh, später Eiterbläschen einstellen, wovon besonders Kinder betroffen waren. Eine große Welle dieser Krankheit erreichte Muskau 1787, bei der 130 Kinder erkrankten, von denen 15 starben. Dabei verlor der Muskauer Schneidermeister August Uhlemann innerhalb von 12 Tagen drei seiner Kinder: Henriette Dorothea fünf Monate, August Ferdinand zwei Jahre und Christiana Friedericke drei Jahre alt. Die Töpfertochter Sophia Henriette Heintze starb 1826 mit 39 Jahren an den Spätfolgen. „Bei der hier grassierenden Blattern-Krankheit, wurde sie auch damit befallen und verlor dabei das Licht der Augen, welches sie nie wiedererhielt, sich aber ruhig ihrem Schicksal ergab.“ 

Von August bis Dezember 1792 breitete sich die zweite Welle aus, bei der von 138 erkrankten Kindern 16 den Tod fanden. In der Zwischenzeit führte man in Muskau die Inoculation ein. Aufgrund dieser Impfung verringerte sich zwischen 1797 und 1816 die Anzahl der durch Blattern verstorbenen Kinder stark. Sicher standen die Eltern einer solchen Impfung nicht ohne Skepsis gegenüber. Da zu jener Zeit fast jeder Muskauer Christ den allsonntäglichen Gottesdienst besuchte, fungierte der Pfarrer als Vermittler zwischen Mediziner und Eltern. So rief dieser 1814 zur Impfung gegen die Pocken auf: „Endlich wird Eurer christl. Liebe angezeigt, daß unser verdienter Herr Doktor Clauß den impffähigen Kindern allhier die Schutzpocken unentgeltlich einimpfen will, Ihr werdet dieses menschenfreundliche Unternehmen mit Dank erkennen, eure heilige Pflicht Gesundheit u. Leben eurer Kinder zu erhalten und Gott preisen, daß ein solches wohltätiges Mittel erfunden worden.“

Impflanzette von 1890                 

       Akte zur Einrichtung einer Quarantäneanstalt in

       Muskau gegen die Cholera, 1831, Filialarchiv Bautzen

In dieser Zeit grassierten in der Stadt nicht nur Pocken und Ruhr, sondern auch Masern, Röteln und Flecktyphus. Von Oktober 1805 bis August des folgenden Jahres starben 15 Muskauer Einwohner an der Ruhr. Die Röteln, die man lange nicht von Masern unterscheiden konnte, forderten von 1804 bis 1816 insgesamt 21 Todesopfer. 

Kaum hatten sich diese Krankheiten verringert, starben die Menschen Ende 1812 am hitzigen Fieber, auch Faulfieber genannt. Im Jahre 1813 schleppten zurückziehende Soldaten aus dem Napoleonischen Krieg die Läusepest, den Flecktyphus ein. Aufgrund schlechter hygienischer Bedingungen übertrugen Läuse und andere Parasiten dieses Fleck- oder Nervenfieber. 

Es begann, als ein Krankentransport einen bayerischen Soldaten der Infanterie nach Krauschwitz brachte, wo er in der Nacht vom 9. zum 10. Februar 1813 am Nervenfieber verstarb. Danach ging der Tod in Stadt und Land um, fast jeder Hof war betroffen. Der Muskauer Einwohner Hans Wobesa – gebürtig aus Schleife – verlor innerhalb des Monats März drei Kinder, den zehnmonatigen Friedrich August, die vierjährige Johanne Christiane, den siebenjährigen Carl Friedrich sowie seine 30-jährige Ehefrau Anna Rosina. In Gablenz erkrankten 182 Bewohner, von denen 51 starben. Der Skerbersdorfer Gemeindehirt Balthasar Schiller verlor im April drei seiner Kinder, den 13-jährigen Carl Friedrich, die 15-jährige Johanne Eleonore und die 18-jährige Maria Elisabeth. Er selbst starb im Juli 48-jährig ebenfalls am Nervenfieber. 

Unermüdlich versuchte der gräflich Pücklersche Leibarzt und Landphysikus Gottfried Leberecht Marggraf Menschenleben zu retten, wozu die Herrschaft die benötigten Medikamente finanzierte. Bei seiner Beerdigung sagte der Muskauer Pfarrer: „Er wurde ein Opfer der leidenden Menschheit, die eingerißene epidemische Krankheit, von der er so viele hunderte brefreyte, ergriff ihn zuletzt selbst.“ Marggraf starb am 28. Juni 1813 im Alter von 38 Jahren.

In den Dörfern des Kirchspiels Muskau verzeichnete das Landbuch im Durchschnitt 70 Sterbefälle pro Jahr, 1813 waren es dreimal so viel. Ähnlich verhielt es sich in der Stadt. Aufgrund dieser vielen Toten scheint es verständlich, dass alle während der Epidemie Verstorbenen ohne Glockengeläut in der Stille beerdigt wurden. Zur Erinnerung an all jene fand nach der Epidemie an einem Vormittag von 10 bis 11 Uhr ein einstündiges Läuten statt.

1831 drohte die Infektionskrankheit cholera morbus Muskau von Böhmen her zu erreichen. Dieser lebensgefährliche Brechdurchfall entwickelte sich vor allem in Großstädten aufgrund schlechter hygienischer Bedingungen und Verseuchung des Trinkwassers. 

Das Muskauer Polizeiamt erhielt 1831 die Anweisung „die Krankenhäuser nebst allen Utensilien im Stande zu erhalten.“ Wichtigste Maßnahme war die Kontrolle der Reisenden und ihrer Legitimationspapiere. Im September hatte sich die Cholera auch in mehreren Gegenden des Großherzogtums Polen ausgebreitet, so dass auf höchsten Befehl kein Soldat mehr nach Schlesien entlassen werden durfte.

Muskauer Anzeiger, 10. Januar 1872

Muskauer Anzeiger, 10. Mai 1873

Der Magistrat zu Muskau richtete bereits im Juli 1831 eine Contumaz-Anstalt – Quarantäne-Station – nach Anordnungen des damaligen Königlichen Kreisphysikus Dr. Gustav Rochus Sick ein. Dazu diente ein angemietetes Haus mit vier Zimmern und vier Stuben gelegen auf einem Feld beim Schützenhaus – heute Lindenhof – im Norden der Stadt. Die Apotheke lieferte die benötigten Desinfektionsmittel wie Chlorkalk, Braunstein, Kochsalz, Salpeter und Schwefelsäure. In der Anstalt erhielten die betreffenden Personen zu Beginn ihrer Quarantäne ein Bad und frische Kleidung. Personen, die aus gefährlichen Gebieten einreisten oder sich nicht ausweisen konnten, setzte die Polizei in Quarantäne. So auch den Wetzsteinhändler Matthäus Krockau aus dem Krain – ein Herzogtum, heute Slowenien – oder den Nagelschmiedegesellen Schüssler aus Warschau. Um die Bewachung von 5 bis 20 Uhr zu gewährleisten, kamen die Bewohner von Muskau nach der Reihe ihrer Häuser zum Einsatz, danach sorgte der Nachtwächter für die Sicherheit. Nach absolvierter zwanzigtägiger Quarantäne brachte ein Transportführer die Personen zu Fuß zur Weiterleitung ins Landratsamt nach Rothenburg. Die Kosten für Aufbewahrung, Verpflegung und Transport stellte die Stadt Muskau der Regierungshauptkasse Liegnitz in Rechnung. Nach fast einem Jahr erhielt der Eigentümer sein als Quarantäne-Station genutztes Haus wieder zurück. Die einzigen Muskauer, die an der Cholera starben, hielten sich zu jener Zeit in anderen Orten des Landes auf. In der Stadt selbst blieben die Menschen durch entsprechende Vorsichtsmaßnahmen verschont. 

Muskauer Anzeiger, 10. Jan. 1872

Muskauer Anzeiger, 27. Jan. 1872

Dem Pockenausbruch 1872 entgegnete Muskau mit einer Impfpflicht für Kinder, die bei Androhung von Strafe ihre geplante Durchsetzung fand. Seit 1874 bestand eine per Gesetzt festgelegte Impfpflicht. Muskau gehörte unter dem Sanitätsrat Prochnow zum vierten Impfbezirk. Dazu schreibt der Muskauer Anzeiger am 26. Mai 1785: „Eltern, Pflegeeltern und Vormünder, deren Kinder und Pflegebefohlene der Impfung entzogen geblieben sind, werden nach § 14 des Reichs-Impfgesetzes vom 8. April 1874 mit einer Geldstrafe bis zu 50 Mark oder mit Haft bis zu drei Tagen bestraft.“ Erst im Jahre 1979 galten die Pocken als ausgerottet. Wie wir jedoch 2020 mit der schnellen Ausbreitung des Coronavirus erfahren mussten, bleiben Infektionskrankheiten auch in Zukunft eine unvorhersehbare Bedrohung.

Quellen: Kirchenbücher, Muskauer Anzeiger, Abkündigungsbücher, Akten der Standesherrschaft

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