Die Chimärenlinde – einst beliebtes Muskauer Fotoobjekt
Holger Klein, Helga Heinze 2025
Chimäre ist ursprünglich die Bezeichnung für ein Mischwesen aus der griechischen Mythologie. In der Pflanzenwelt des Muskauer Parks erhielt ein außergewöhnlich geformter Baum diesen Namen. Es handelt sich um die sogenannte „Chimärenlinde“ im heute polnischen Teil des Parks. Sie befand sich einst nicht weit vom Neißeweg, dort, wo Cara’s Pfad ein Stück parallel dazu verläuft.1
Durch ihr besonderes Aussehen etablierte sich die „Chimärenlinde“ zu einem beliebten Fotoobjekt. Als im 20. Jahrhundert viele schon privat eine Fotokamera besaßen, entstanden unzählige Aufnahmen zu jeder Jahreszeit. In vielen Familienalben lassen sich Fotos von Personen an dieser Linde finden. Manche der Besucher bezeichneten die Linde auch als „Krokodil“, wie die Mutter der 1936 in Muskau geborenen Inge Schreck in ihrem Fotoalbum. Der Muskauer Lehrer Jürgen Hubatsch beschrieb sie als „Kamelbaum.“




Rechts Mutter Heigwer mit Kurt, 1925
Vater Heigwer mit Kurt, 1927
Familien Karl Otto und Otto Röhle aus Keula, 1932


Inge Schreck aus Muskau im Winter 1939
Unbekannt, 1930er Jahre
Im Fotoalbum des Revierförsters Karl Wosch (1869 – 1941) aus Keula – heute Krauschwitz – befindet sich eine Aufnahme dieses Baumes aus dem Jahre 1905. Allerdings beschreibt sie Wosch in der Bildunterschrift als Buche. Nun steht die Frage, sollte sich der Revierförster als bester Kenner des hiesigen Baumbestandes so geirrt haben? Wahrscheinlich doch, denn eine Buche wäre nie in der Lage gewesen, einen solchen mehrstämmiger Wuchs, wie es eine Linde kann, hervorzubringen.2


Foto Revierförsters Wosch, Keula 1905
Fotograf unbekannt
Der Botaniker und Naturforscher Prof. Dr. Theodor Schube (1860 – 1934) berichtete in seinem Vortrag „Naturdenkmäler aus der Baumwelt der preussischen Oberlausitz“ am 20. Januar 1911 vor der Naturforschenden Gesellschaft in Görlitz folgendes:
„… doch können wir hier am Gehölzrand eine abenteuerlich geformte Linde wahrnehmen, deren halbumsunkener Stamm, durch 2 schräg in den Boden gebohrte Äste in der Schwebe gehalten, sich vorn wieder emporgekrümmt und mehrere neue Äste in die Höhe getrieben hat. Aus diesem Monstrum liesse sich, wie namentlich die Winteransicht erkennen lässt, ganz gut eine Nachbildung der Chimaera herausschnitzen; man darf es also wohl, um auch hier einen ,nom de guerre‘ [Spottname] zur Verfügung zu haben, als die ,Chimärenlinde‘ bezeichnen.“
Sophie Gräfin von Arnim (1876 – 1949) beschrieb den Baum im Rückblick auf ihre beliebten Parkspaziergänge:
„Ich bleibe unten am Fluss, sehe hinauf zum Pücklerstein, den mein Schwiegervater dem Andenken an den Fürsten Pückler setzte, und gehe dann entlang der Koppel, auf der ein junger Hengst weidet. Nun komme ich zu dem Lindwurm, eine Linde, deren Stamm waagerecht gewachsen ist und sich mit Zweigen auf der Erde aufstützt, als wären es Beine. Hier windet sich ein kleiner, von mir besonders geliebter Fußweg den Hang hinauf. Ich bleibe unten im Flusstal, benutze nicht den rechts hinaufführenden Fahrweg, sondern ich gehe geradeaus.“3
In den 1970er Jahren besuchte Kurt Heigwer aus Krauschwitz im nun polnischen Teil des Parkes diesen Baum, an dem er als Kind oft fotografiert wurde. 2005 existierten von dem einst beliebten Muskauer Fotoobjekt „Chimärenlinde“ kaum noch erkennbare Reste.


Kurt Heigwer, 1970er Jahre
Reste der Linde 2005, Foto Astrid Roscher
Quellen:
1 Inf. Astrid Roscher, Stiftung „Fürst-Pückler-Park“ Bad Muskau, 2025.
2 Inf. Ekkehard Brucksch, ehemaliger Leiter Parkverwaltung Bad Muskau, 2025.
3 Sophie Gräfin von Arnim: Erinnerungen. Grainau 1946/47. Unveröffentlichtes
Manuskript im Besitz von Prof. Dr. Thomas Graf von Arnim, München.
