Sieben Poesiealben kehrten nach Muskau zurück und 

Regina Barufke/Helga Heinze, Bad Muskau/ Krauschwitz 2025

erzählen von den Familien Petzold und Liebusch

Wilhelmine Bianca Charlotte Fähndrich           Traueranzeige 1931

geb. Petzold (1836 – 1931)         

Einem glücklichen Umstand ist es zu verdanken, dass der Freundeskreis in den Besitz von sieben Poesiealben aus der Familie des Muskauer Pfarrers Carl Friedrich Christian Petzold (1783 –1866) gelangte (s. Beitrag Schenkungen 2025). Martin Baetge, ein Nachkomme von Wilhelmine, der jüngsten Tochter von Carl Petzold, reiste extra von Niedersachsen hierher, um sie an uns zu übergeben. Wären sie nicht 1939 aus dem Nachlass der Familie Liebusch an die Erben übergegangen, hätten sie in Muskau den Zweiten Weltkrieg aufgrund der Zerstörungen wohl nicht überstanden. Dazu folgende Zeilen von Herrn Baetges Großmutter:

„Am Eingang des Parkes stand ein kleines Häuschen, das hatte [Prinz Friedrich] der Niederlande meinem Urgroßvater, als er pensioniert wurde, zu eigen geschenkt. Bis 1939 war das Häuschen im Familienbesitz von Tante Lottel und Onkel Martin Liebusch.“ Nachdem im Januar Charlotte und im August 1939 Martin, die unverheirateten Kinder des Diakons Georg Liebusch als letzte Bewohner des Hauses starben, „wurde der Haushalt aufgelöst, und das Häuschen übernahm die Stadt.“ Die Erben erhielten aus dem „alten und sehr interessanten Nachlass […] manche feinen Sachen […].“ Darunter befanden sich auch die Poesiealben von Wilhelmine und ihren Schwestern.

Bild mit Nachruf des Oberpfarrers und Superintendenten Carl Petzold (1783-1866) 

in der Jakobskirche Muskau, 2015

Das „Liebusch-Haus“ in Muskau, um 1925, Kirchplatz 5,

seit 2018 Sitz der Bad Muskau Touristik GmbH

Das später „Liebusch-Haus“ genannte Gebäude erhielt Carl Petzold anlässlich seiner 60-jährigen Amtszeit im April 1866. Am Tage des Einzugs – 19. September – ereilte ihn der Tod noch in seiner Amtswohnung im 83. Lebensjahr. Warum das Gebäude in den Besitz der Familie Liebusch kam, beantwortet deren Geschichte.

 

Hofprediger und Rektor Georg Anselm Theodor Liebusch

Im Jahre 1856 heiratete Antonie Sophie Charlotte, die zweitjüngste Tochter des Muskauer Superintendenten Carl Petzold den Hofprediger Georg Liebusch. Er wurde 1822 als Sohn des Oberpfarrers gleichen Namens in Senftenberg geboren. Vorerst noch Lehrer am „Königl. Lehr-Institut u. Waisenhause zu Bunzlau“1 hielt er Pfingsten 1852 seine Probepredigt in Muskau. Daraufhin trat er hier die Stelle als Hofprediger und Rektor der Schule an. 

Seine Schüler verehrten und schätzten ihn sehr. Nachdem er hier mit einem Jahreseinkommen von 350 Talern zehn Jahre arbeitete, nahm er im Oktober 1862 die besser bezahlte Stelle des Lehrers am Königlichen Gymnasium in Quedlinburg an.2 1874 ging er als Seminardirektor nach Schlüchtern in Hessen, wo er am 14. April 1878 mit 55 ½ Jahren nach kurzer Krankheit an einer Gehirn- und Herzhautentzündung starb. Er hinterließ seine Witwe und vier Kinder.3 Seine Verwandten aus der Familie Petzold machten seinen Tod in Muskau durch eine Anzeige bekannt. Am ersten Osterfeiertag 1878 wurde in der hiesigen Kirche sein Nachruf verlesen. Seine Witwe Antonie Sophie Charlotte kam mit den Kindern Georg, Charlotte, Martin und Antonie zurück ins Petzoldsche Elternhaus am Park, „wo noch Tante Liesel, eine unverheiratete gelähmte Schwester wohnte.“4 Mit Liesel ist Louise Petzold gemeint, die 1903 verstarb. Vermutlich trägt seit dem Einzug der Witwe Charlotte Liebusch die Bezeichnung Liebusch-Haus.“ 

Antonie Sophie Charlotte Liebusch geb. Petzold starb am 6. Juni 1921 in Muskau mit 86 Jahren.5 Zurück blieben ihre zwei unverheirateten Kinder Charlotte und Martin im Liebusch-Haus.

Ihr Sohn Georg studierte Theologie, kam zu Bodelschwingh nach Bielefeld, der ihn als Diakon nach damals Deutsch-Ost-Afrika sandte, um in Lutindi ein „evangelisches Sklavenfrei“ aufzubauen. Seine Schwester Charlotte folgte ihm 1900, um seine Arbeit als gelernte Krankenschwester zu unterstützen. Er starb vermutlich 1910 nach 30 Dienstjahren und wurde in Tanga begraben. Charlotte kehrte daraufhin wieder nach Deutschland zurück. Die 22 Kästen umfassende afrikanische Insektensammlung aus dem Nachlass von Georg Liebusch übergab seine Mutter dem Muskauer Ornithologen und Naturforscher Wilhelm Wolf (1838 – 1910).6

Ihre Schwester Antonie besorgte in Muskau den Haushalt bis sie 1921 starb. Martin machte eine kaufmännische Ausbildung und arbeitete bei der Post in Leipzig. Zuletzt lebte er gemeinsam mit Charlotte wieder in Muskau. „Alle vier Geschwister Liebusch waren rührend gute Menschen, aber leider unverheiratet.“7

Bis heute ist der Name Georg Liebusch durch seinen schriftlichen Nachlass mit Muskau verbunden. Wie sein Vater hegte auch er großes Interesse an Geschichte und Mythologie. 1860 erschien im Muskauer Verlag von Julius Müller „Sagen und Bilder aus Muskau und dem Park.“8 Offiziell kritisierte man das Werk als lückenhaft, unsortiert und somit von geringem Wert. Doch das Interesse daran war so groß, dass „deren erste, nur für einen kleineren Kreis von Freunden des Verfassers bestimmte Auflage von 1860, schon längst völlig vergriffen war.“9 Deshalb gab der Verlag Von Zahn & Jaensch in Dresden 1885 eine zweite Auflage heraus. 2016 gab es eine Wiederauflage des Originals von 1860 bei Hansebooks.

Im Muskauer Anzeiger sollte eine dreiteilige Fortsetzung unter dem Thema „Geschichte der Stadt Muskau“ erscheinen, deren dritter Teil unvollendet war. Erst später stellte sich Georg Liebusch als inzwischen verstorbener Autor heraus.10

Muskauer Anzeiger, 29. April 1874

Muskauer Anzeiger, 17. April 1878                    Muskauer Anzeiger, 14. Oktober 1885

   Gedichte von Hofprediger und Rektor Georg Liebusch, Muskau ca. 1850

Die Alben und ihre Inhalte

Kommen wir zurück zu den Alben der Töchter Carl Petzolds. Sie stammen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts und widerspiegeln den Stil der Zeit. Sie tragen Pappeinbände mit Goldprägung und enthalten Gedichte, Gebete und gute Wünsche von Freunden und Familienangehörigen. Dabei fehlt es nicht an modernen Dichtern wie Heine, Herder, Geibel, Goethe, Kalkbrenner oder Wieland. Auch mehrere Gedichte des Muskauer Hofpredigers und Rektors Georg Liebusch wie „Memoriae Machbuba!“, „Im April“ oder „Conrad“ lassen sich finden. Ebenfalls oft zitiert wurde der in Muskau beheimatete Dichter und Komponist Leopold Schefer (1784 – 1862). Unter seinen Gedichten befinden sich sowohl bekannte als auch unbekannte, wie „Wer in seinen Lieben leben kann, …“, „Mit Gott und ohne Gott“, „Kinderfreude“ oder „Biblia“. Wem die Handschrift Leopold Schefers bekannt, dem springt sofort ein persönlich unterzeichnetes und datiertes Gedicht mit dem Titel „Die Sonne“ ins Auge. Eintragungen von Mitgliedern der Familien Schefer und Petzold sowie anderen Muskauer Bürgern, vermitteln familiäre, freundschaftliche und gesellschaftliche Beziehungen der Besitzerinnen.

 

         Texte des Muskauer Dichters Leopold Schefer in den Poesiealben

Neben Georg Liebusch hat sich noch ein zweiter Autor mit dem Schicksal der von Fürst Pückler mitgebrachten und in Muskau verstorbenen Sklavin Machbuba – in ihrem Heimatland Billillee genannt – gewidmet. Das Gedicht ohne Autor trägt den Titel „Am Grabe Machbuba’s der Abyssinierin.“ In einem Typoskript aus dem Jahre 1957 ist es mit Hoffmann von Fallersleben unterzeichnet, konnte ihm jedoch nicht zugeordnet werden. Das in einem Pücklernachlass befindliche Gedicht in gedruckter Form trägt die Autorenschaft von Wilhelm Hocker (1812 – 1850). In welcher Beziehung Hermann Fürst von Pückler-Muskau mit dem Schriftsteller Wilhelm Hocker stand, bleibt noch zu klären.

Gedicht „Muskau“
August Weiske, Leipzig 1842

Text von 1957

Machbuba-Gedicht                

in Louise Petzolds Album 

Ein besonders umfangreicher Text mit dem Titel „Muskau“ ist mit August Weiske, Leipzig 1842 signiert. Nach der Beschreibung der hiesigen Landschaft im Allgemeinen und der Stadt Muskau im Besonderen, gelangt der Autor zur Person des Pfarrers Carl Petzold. Sehr lebendig beschreibt er den Tagesablauf im Hause der Familie. 

In Wilhelmines Album befinden sich persönliche Einträge sowohl ihrer Mutter als auch ihres Vaters. In Antonies Album ist der vom Magistrat und den Stadtverordneten formulierte Nachruf auf ihren 1866 verstorbenen Vater zu lesen. 

Die fünf eingelegten Fotos von Muskauer Sehenswürdigkeiten fertigte um 1870 der Muskauer Hoffotograf Bernhard Winkler an. Zusätzliche Briefe und getrocknete Pflanzen schmücken die Alben. Ein Sträußchen erinnert an einen Ausflug nach Branitz am 26. Juli 1849, ein anderes an die Reise eines Onkels in den Garten der Alhambra im Juni 1857. Dem eingesteckten Zittergrassträußchen fehlt eine Zuordnung. 

Fünf Fotos von Hoffotograf Bernhard Winkler, um 1870

Die in Wilhelmines Album eingelegten Briefe sind meist auf Papier mit dem Prägestempel des englischen Kurorts Bath geschrieben. Wie schon im Artikel Schenkungen erwähnt, stammt die liebevoll in Seidenpapier eingeschlagene Locke in Wilhelmines Album mutmaßlich von ihrer Mutter Juliane Sophie geborene Bach, der zweiten Ehefrau von Carl Petzold. Die Zeichnung mit dem Jungen und seinem Drachen ist mit P. Petzold 1850 signiert. Dabei könnte es sich um ihren Bruder Paul Friedrich Theodor handeln. Der farbige Blick auf Muskau im Oval ist am 30. März 1857 der lieben Schwester Agnes gewidmet und mit G. Petzold unterzeichnet. Es ist eine Tuschezeichnung ihres Bruders Gustav, der als Apotheker und tüchtiger Zeichner bekannt und bereits 1863 mit 35 Jahren an einer langwierigen Krankheit verstarb.

Oberpfarrer und Superintendent Carl Friedrich Christian Petzold

Er wurde in Königswalde in der Neumark (heute Lubniewice/PL) geboren, studierte in Halle Theologie und stand ab 1807 der christlichen Gemeinde in Königswalde ganze 19 ½ Jahre als Pfarrer vor. In seiner ersten Ehe mit Friederike Auguste geb. Roeser hatte er vier Kinder. 1815, im Jahr der Geburt von Sohn Eduard, der spätere Muskauer Parkdirektor, starb seine erste Frau. 1817 heiratete er Juliane Sophie Bach. Sie wurde 1792 als Tochter des Inspektors des Königlichen Pädagogiums in Halle, Nachkommen der Musikerfamilie Bach geboren.

Durch Vermittlung des Muskauer Alaundirektors Carl Gotthelf Kehlchen, der ihn durch seine vorherige Tätigkeit in Gleissen (heute Glisno/PL) und Königwalde kannte, gelangte er 1826 unter Fürst Pückler als Oberpfarrer hierher. Im Jahr darauf übertrug ihm die Kirche die Königliche Superintendentur der 2. Rothenburger Diözese.11 Seine Familie beschrieb ihn als großen, stattlichen Mann „von imponierender Erscheinung und würdevollem Auftreten.“12 

Bereits nach zwei Jahren seines Hierseins schrieb ihm Fürst Hermann von Pückler-Muskau aus London, indem er ihm ein Schreibpult aus Rosenholz zugedacht hatte, „das Rosen ohne Dornen trägt, mein Wunsch für Ihren Aufenthalt in Muskau. Sie sollen Ihre Predigten daran schreiben." Das durch die edle Geste seines Standesherrn verschenkte Pult ist bis heute erhalten und als Leihgabe der Kirchengemeinde Bad Muskau in der Dauerausstellung zu Fürst Pückler im Neuen Schloss zu sehen.

Zu seinem 50. Dienstjubiläum im April 1856 ehrten ihn Gemeinde, Standesherrschaft und kirchliche Würdenträger mit einem Festgottesdienst, großen Auszeichnungen und kostbaren Geschenken. Den Abschluss bildete am Nachmittag eine Tafel mit 300 Gästen im Hotel Niederländischer Hof. Der Magistrat überbrachte ihm – als ersten in der hiesigen Geschichte – den Ehrenbürgerbrief der Stadt Muskau. 

Zu seinem 60. Jubiläum erhielt er den Roten Adlerorden II. Klasse mit Eichenlaub. Der damaliger Standesherr Prinz Friedrich der Niederlande beschenkte ihn mit einer goldenen Tabatiere mit seinem Bild sowie einem kostbaren Teppich. Letzterer ist mit einer Inschrift auf der Rückseite im Inventar des ehemaligen Stadt- und Parkmuseums erhalten, jedoch fälschlich ein Jahr nach dem 60. Jubiläum beschriftet, das Carl Petzold aufgrund seines hohen Alters im engeren Familienkreis verlebte.

 

Da er sich für die Kirchengeschichte seiner Stadt interessierte, kaufte er auf einer Auktion das Buch „Muszkauische Kirchen-Zierde.“ Es hatte sich im Nachlass des Fürstlich Pücklerischen Schlossintendanten Ludwig Traugott Heinrich Wolf 1831 befunden. Das vom damaligen Kantor Johann Caspar Crusius (1637 – 1691) verfasste und in Guben 1671 gedruckte Werk befindet sich heute im Eigentum der Evangelischen Kirchengemeinde Bad Muskau.

Beschriftung des Teppichs, Geschenk 1867

Schreibschatulle, Geschenk 1828              

„Muszkauische Kirchen-Zierde“, Guben 1671, li. Eintrag zum Erwerb des Buches von 1831

In beiden Ehen hatte Carl Petzold insgesamt 16 Kinder und 36 Enkelkinder. Nachfolgend jene elf Kinder, die das Erwachsenenalter erreichten. 

 

In erster Ehe von vier Kindern

Hermann         (1809-1878) Pfarrer in Schlepzig

Eduard            (1815-1891) Parkdirektor Muskau

In zweiter Ehe von 12 Kindern

Emilie             (1819-1873) unverehelicht Muskau

Heinrich          (1821-1908) Pastor in Lissa

Louise             (1824-1903) unverehelicht Muskau

Gustav            (1827-1863) Apotheker 

Paul                (1829-1913) Obertelegrafensekretär Görlitz

Agnes             (1830-1882) unverehelicht Muskau

Auguste          (1832-1882) verheiratet Rieloff Muskau

Antonie           (1834-1921) verheiratet Liebusch Muskau

Wilhelmine     (1836-1831) verheiratet Fähndrich Fürstenwalde

Muskauer Anzeiger, 1881                                                                               Muskauer Anzeiger, 1903

Damit ist die erste Bewertung des Inhalts der sieben Poesiealben von Louise, Agnes, Emilie und Wilhelmine – Töchter des Muskauer Superintendenten Carl Petzold – abgeschlossen. Die Auswertung der Texte dauert noch an und verspricht weitere neue Erkenntnisse.

 

Quellen:

1 Evangelische Kirchengemeinde Bad Muskau, Abkündigungsbuch 1852.

2 Chronik der ev. Stadtschule Muskau, Angaben des Bäckermeisters Robert Reich geb. 1851.

3 Muskauer Anzeiger, 17. April 1878.

4 Familiengeschichte der Familie Petzold, Typoskript von 1935, übergeben von Martin Baetge 2026.

5 Evangelische Kirchengemeinde Bad Muskau, Sterberegister 1. 1. 1892 – 31. 12. 1933.

6 Berichte des „Vereins Schlesische Ornithologen“, 1928.

7 Aufzeichnungen der Großmutter von Martin Baetge.

8 Mörbe, Johannes: Ausführliche Geschichte und Chronik von der Stadt und der freien Standesherrschaft Muskau, S. 190.

9 Muskauer Anzeiger, 14. Oktober 1885.

10 Muskauer Anzeiger, 1872.

11 Familiengeschichte der Familie Petzold, Typoskript von 1935, übergeben von Martin Baetge 2026.

12 Ebd.

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