Schmiedefamilie Löbel

Die Schmiedefamilie Löbel in Muskau und ihr Urenkel Fritz in Chile

Helga Heinze/Holger Klein/Krauschwitz/Bad Muskau 2026

DIE GEBRÜDER HEINRICH UND GOTTLIEB

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gelangten zwei Söhne des Königlichen Zeichenschlägers1 Johann George Löbel aus Rosenthal bei Pirna auf ihrer Wanderschaft nach Muskau. Sie übten den Beruf des Huf- und Waffenschmieds aus und erwarben hier das Bürger- und Meisterrecht. Der jüngere Carl August Heinrich geb. 1812 heiratete 1837 eine Schuhmachertochter aus Zibelle. Da sein einziger männlicher Nachkomme – Schlossermeister Ernst Heinrich Reinhold – 1876 mit 32 Jahren kinderlos verstarb, erlosch diese Linie.2

Der ältere Carl Gottlieb heiratete 1826 eine Muskauer Schuhmachertochter und gründete im selben Jahr die Schmiedewerkstatt in der Berliner Straße 205. Sein Sohn Carl August Emil übernahm am 29. September 1860 das Geschäft von seiner Mutter, da der Vater schon mit 45 Jahren verstorben war. Vier Jahre später heiratete Emil die Kromlauer Schankwirtstochter Marie Auguste Muschick, mit der er drei Söhne und drei Töchter hatte. Meister Emil sen. engagierte sich in seiner Stadt, bekleidete mehrere Ehrenämter und starb 1923 mit 87 Jahren.3 Bereits 1896 hatte er das Geschäft an seine Söhne Emil jun. und Georg übergeben.

        Schmiedemeister Emil jun. (1865-1935), Emil sen. (1836-1923) und Georg (1870-1933)

DIE DREI SÖHNE VON EMIL LÖBEL SENIOR

Zwei der drei Söhne von Emil Löbel sen. führten das Schmiedegeschäft weiter. Der jüngste Georg heiratete 1899 die Muskauer Sattlertocher Hedwig Stepbach, der älteste Emil heiratete 1896 Helene, die Tochter des Muskauer Musikdirigenten Wilhelm Schefter. Der mittlere Sohn Gustav ging ins Bankwesen nach Süddeutschland und führte dort ab 1903 mit seiner Frau Anna geb. Ruckdeschel die dritte Löbel-Linie fort. 

Familie und Angestellte in der Schmiede Löbel im Hof Berliner Straße, 1912

mit Vollbart Emil sen., links daneben Emil jun., darüber Georg

Kinder: Frieda geb. 1901 (verh. Zwätz), Liesel geb. 1910? (verh. Milesch), Georg jun. geb. 1909 (später Reichsbankdirektor in Berlin)

Muskauer Anzeiger

11. Dezember 1875  

Muskauer Anzeiger

15. Dezember 1886

Muskauer Anzeiger

22. Dezember 1883

Briefkopf einer Rechnung von 1901

Schon lange hatte sich die Schmiede Löbel auch als Eisenwarenhandlung etabliert. Bevor Muskau elektrischen Strom erhielt, versorgte das Geschäft ihre Kunden mit Petroleumlampen und Petroleum. Später handelte sie mit Fahrrädern, Motorrädern und mit Dapolin – Benzin der Deutsch-Amerikanischen Mineralölgesellschaft. Bereits 1909 besaß die technikbegeisterte Familie Löbel von den sieben in Muskau zugelassenen Automobilen zwei als Geschäftswagen eingetragene Fahrzeuge.4

Am 1. Oktober 1926 feierte die Firma Löbel ihr 100. Firmenjubiläum.5 Dieses Fest konnte Emil jun. zwar noch miterleben, doch war er durch einen Unfall beim Schweißen eines Gasrohrs sehbehindert.6 1935 starb er mit 69 Jahren im Görlitzer Krankenhaus.7 Sein Bruder George bereits 1933. 

Emil sen. vor benachbartem Maßmann-Haus, 1910.

Laden, Berliner Straße 205, 1910               

 

Werbeanzeigen und Katalog der Firma Löbel aus den 1920er Jahren

Das Geschäftshaus in der Berliner wurde 1945 durch Brand völlig zerstört, deshalb wagten die Erben in ihrem Wohn- und Geschäftshaus in der Schmelzstraße einen Neuanfang. Da der geschäftsführende Schwiegersohn Kurt Zwätz aus Eisleben von Beruf Kaufmann war, betrieb er einen Groß- und Einzelhandel, damit endete das Schmiedehandwerk in der Familie. Am 31. Dezember 1972 erlosch der Eintrag der Firma Löbel im Handelsregister. 

 

Geschäft Löbel in der Schmelzstraße 16, nach 1945

Viele besondere, teilweise noch heute erhaltene, Schmiedearbeiten sind in der Werkstatt von Emil Löbel entstanden, so das Gitter an der Haustür der Apotheke und das Geländer auf dem Rathausturm. Ende des 19. Jahrhunderts baute Emil Löbel in der Berliner Straße 227a – heute 43 – ein großes Wohnhaus mit einem imposanten schmiedeeisernen Zaun. In Muskau hieß sie die „Löbel-Villa“. Als die Deutsche Reichsbank hier eine Filiale einzurichten beabsichtigte, mietete sie das Gebäude.8 Nach 1945 zog bis 1982 die Sparkasse hier ein. Heute ist die „Villa am Park“ eine Einrichtung für betreutes Wohnen.

        Löbel-Villa, Berliner Straße 227a, um 1900                                 „Villa am Park“, 2026

 

Zaun der Villa am Park, 2026

Balkongitter mit „EL“ für Emil Löbel, 2026

Schmiedeeisernes Tor mit Beschriftung „Emil Löbel, Muskau O/L. 1908“

Fundstück, restauriert, Besitz Familie Hentschel, Bad Muskau

Gitter an der Haustür der Apotheke                  Gitter am Rathausturm, Kriegsverlust

„R 1890 M“ Apothekenbesitzer Richard Manno 

Familiengrabstätte                                             Familiengrabstätte 

Emil sen. Löbel und Auguste geb. Muschick.    Emil und Helene Löbel geb. Schefter

Muskau, Nordfriedhof, 1920er Jahre                 Bad Muskau, Nordfriedhof 2017

GOTTFRIED PAUL FRITZ

Gottfried Paul Fritz, der am 10. Mai 1900 geborene Sohn von Emil jun., schlug einen anderen Berufsweg ein, studierte Biologie und erlangte in Berlin seinen Doktortitel. Er heiratete Eva Raschkow – Tochter jüdischer Eltern in Breslau – die als einzige ihrer Familie den Holocaust überlebte. Thomas, ihr jüngstes Kind, wurde am 24. April 1945 im zerbombten Berlin geboren. Dass er mit einem Gewicht von 600 Gramm das Kriegsende überlebte, grenzt an ein Wunder. Nach seiner Geburt zog die Familie wieder nach Muskau.

Aufgrund der ungewissen politischen Situation wollte Fritz Löbel nicht länger in Deutschland bleiben. Noch vor seiner Abreise nach Chile schrieb er ein Lehrbuch für Biologie. Am 14. Juli 1949 brach die Familie per Schiff von Liverpool nach Südamerika auf, um in Chile zu leben. Fritz und Eva nahmen ihre vier Kinder Stephan 16, Hans elf, Anita sechs und Thomas vier Jahre in die neue Heimat mit. Sich im fremden Land mit der fremden Sprache zurechtzufinden, fiel Fritz, inzwischen 49-jährig, sehr schwer. Als Deutscher mit einer jüdischen Frau, konnte er sich mit den meisten Deutschen aufgrund unterschiedlicher Einstellungen nicht anfreunden. Fritz und Eva Löbel legten großen Wert auf familiären Zusammenhalt und so luden sie jeden zweiten Sonntag die Kinder und Enkel zum gemeinsamen Mittagessen ein.

Unbegreiflich, wie es Fritz Löbel in Deutschland geschafft hatte, seine jüdische Frau zu schützen. Über das Leid, dass die Familie seiner Frau einst erlebte, erfuhren die Kinder und Enkel nichts. Diesen Abschnitt ihrer Geschichte konnten sie erst später im Rahmen der Familienforschung in Erfahrung bringen. Fritz Löbel starb 1984 mit 84 Jahren in Santiago de Chile und war nie wieder in Deutschland. Nach seinem Tod reiste seine Frau mehrfach nach Deutschland.

Lehrbuch, 1948, von Dr. Fritz Löbel                 „Reina del Pacifico“– das Ausreisedampfschiff

und Wilhelm Maschke, Berlin.

Passagierliste der Pacific Steam Navigation Company Liverpool, 

Ausschnitt mit Familie Löbel, 1949

 

Fritz und Eva Löbel, in Deutschland                                   Eva und Fritz Löbel mit den Enkelkindern

vor dem Zweiten Weltkrieg                                                 Andreas und Stephanie sowie deren Mutter,

                                                                                            Anfang der 1980er Jahre in Chile

Andreas Löbel mit Neffen und Vater Thomas Löbel, 2017

 

Quellen:

1 wikipedia: … hatte die Aufgabe, Wald-, Weg- und Grenzzeichen in Bäume u. Steine einzuschlagen.

2 Evangelische Gesamtkirchengemeinde Bad Muskau-Gablenz, Sterberegister 1864 bis 1891.

3 Ebd., Sterberegister 1892 bis 1933.

4 Deutsches Automobil-Adreßbuch, Stuttgart 1909.

5 Muskauer Anzeiger, Oktober 1926.

6 Familienarchiv Klenner, Brief vom 22. November 1914.

7 Ebd., Sterberegister 1892 bis 1933, Anhang bis 30. 10. 40.

8 Inf. Apotheker und Heimatforscher Werner Manno †, handschriftlich.

Thomas, der jüngste Sohn von Fritz, ging 1974 mit seinen Kindern für vier Jahre nach Baden-Württemberg, um am Max-Plank-Institut seinen Doktortitel zu erwerben. Hier lernten die Kinder deutsch, jene Sprache, die sie auch nach der Rückkehr nach Chile in der Schweizer Schule und in der Familie beibehielten. Das sollte Sohn Andreas später zugutekommen. Heute ist er ein chilenisch-spanischer Anwalt mit vorwiegend deutschen Mandanten. Er ist der erste Anwalt in der langen Geschichte der Löbelfamilie.

 

Falk & Löbel · Löbel & González

Hamburg · Barcelona · Islas Canarias · Santiago de Chile

 

2017 suchte Andreas Löbel Kontakt zur Heimat seiner Vorfahren und meldete sich in Bad Muskau bei Schmiedemeister Franz Klenner. Seine an uns weitergeleiteten Anfragen haben wir gerne beantwortet. Wir konnten ihm viel über seine Vorfahren in Muskau berichten und einige noch heute erhaltene Relikte der Familiengeschichte als Foto übermitteln. Im Gegenzug erhielten wir Wissenswertes über den Weg der Familie von Fritz Löbel und ihr Leben in Chile. Ein Besuch in Muskau steht bislang noch aus.

 

   

Dank an Andreas Löbel in Santiago de Chile für seine Informationen und Fotos.

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