AWG Schaltgeraetewerk

Von der AWG Keulahütte zur AWG Schaltgerätewerk

Hans Schmidt, Muskauer Anzeiger August 2010

Im kommenden Jahr, genau am 15. April 2011, besteht die ehemalige Arbeiterwohnungsbaugenossenschaft Schaltgeräte-werk Muskau und heutige Wohnungsbaugenossenschaft e.G. fünfzig Jahre.  Grund genug,  auf die  Leistungen der Genossenschaft aufmerksam zu machen. In den folgenden  Beiträgenwerden die Gründung, das Bauprogramm und die Verantwortung  für die Wohnungsverwaltung durch die Genossenschaft betrachtet.
 Am 06. April 1945 ist der Zweite Weltkrieg in Muskau beendet. Russische und polnische Truppen hatten in den frühen Morgenstunden die Neiße überwunden und stürmten in Richtung der Reichshauptstadt Berlin. Die Einwohner der Städte Bad Muskau, Lugknitz, Köbeln und Berg sind seit Februar auf der Flucht. Aus Schlesien und anderen Landesteilen flüchten verängstigte Bewohner in‘s „Reich“.

Die Neißebrücken wurden durch die deutsche Wehrmacht gesprengt, große Teile des Parkes, seine Gebäude und 75 % der städtischen Bausubstanz wurden durch die Kriegshandlungen, Plünderungen und nachfolgende Brandstiftungen zerstört. Die Schlösser, das Bad, das Rathaus und die evangelischen Kirchen, das Krankenhaus und viele Gebäude in der Kirch- und Berliner Straße, am Gehalm und um den Markt sind rauchende Trümmerhaufen.

Nach und nach kamen die ersten Einwohner von der „Flucht“ zurück. Viele zogen aber auch weiter über die Neiße, in der Hoffnung, ihre Häuser und Wirtschaften wieder beziehen zu dürfen. Die Wenigsten wussten, wie es weitergehen wird.

„Retten, was noch zu retten ist“ – war der Leitgedanke.

Nur ganz langsam wuchs das Vertrauen der Rückkehrer in die neue Macht. Es gab keine Zeitungen, keinen Rundfunk, keine Verwaltung, keinen Strom und kein Wasser. Viele hatten infolge jahrelanger faschistischer Propaganda „Angst vor den Russen“. Aber der „Russe“ war die erste Macht, die sich verantwortlich fühlte und das Leben wieder in Gang brachte. Mit einem dichten Netz von Kommandanturen kontrolliert die SMAD – Sowjetische Militäradministrationskommission – mit dem Befehl Nr. 1 das gesamte wirtschaftliche und politische Leben, nahm Enteignungen, Verhaftungen und Demontagen vor, verfügte eine Boden- und Industriereform, die Verstaatlichung von Banken und Versicherungen, gründete Länder und ließen Parteien zu. Die sowjetische Kommandantur wurde in Muskau in der Neustädter Berggasse 3 – Wiesners Haus – untergebracht. Auch die Nebengebäude und die Villa Offermann im Park wurden vom Kommandanten beschlagnahmt. Das Pfarramt in der Sorauer Straße, das Kavalierhaus im Park und das Gebäude des Reichsarbeitsdienstes in der Berliner Straße wurden Krankenhaus bzw. Seuchenstation. Im Juli 1945 erfolgte die entschädigungslose  Enteignung des Vermögens der „Grafen von Arnimschen Waldgutstiftung“. 

Ehrenmal in Köbeln

 

Die Stadtverwaltung wurde in der Sorauer Straße, in der ehemaligen Druckerei Dohnath eingerichtet. Bürgermeister ist Bernhard Pistrosch (KPD). In den folgenden Jahren ging es darum, Wohnraum für die Bürger der Stadt Muskau und für viele Vertriebene östlich der Neiße, die inzwischen zur „Oder-Neiße-Friedensgrenze“ geworden ist, zu schaffen.Fleißige Kaufleute und Gewerbetreibende begannen unter schweren Bedingungen sich eine neue Existenz aufzubauen. So entstand auch im Zentrum der Stadt erste Aus- und Neubauten. Die Buchhandlungen Georg Richter und Willi Stahn, Das Geschäfts- und Wohnhaus Oswald Henschel, „Strumpf-Marko“, im Ruinengrundstück die Bauklempnerei Werner Döring, Raucherutensilien Felix Heideck und Elektro-Kuss, Inhaber Elektromeister Wilhelm Kuss, seien hier als Beispiele genannt. 

Kirchstrasse 17

Kirchstrasse 17, Wohn- und Geschäftshaus Oscar Hentschel

Neustädter Berggasse 3, Die sowjetische Kommandur

Gegenüber der sowjetischen Kommandantur- auf dem Schulhof der Stadtschule - wurde ein Friedhof für gefallene sowjetische und polnische Soldaten mit einem monumentalen Ehrenmal errichtet. In Köbeln wurde ein Ehrenfriedhof mit einem Mahnmal auf dem ehemaligen Druschplatz errichtet. Gefallene deutsche Wehrmachtangehörige fanden auf dem Nordfriedhof, dem Friedhof Berg und in Köbeln ihre letzte Ruhe..

Kirchstraße 27

Kirchstraße 27

Stark beschädigte Gebäude am Neißedamm, Lauterbachs Gaststätte und Fleischerei, die Parkbrauerei von Wilhelm Gloyna, die ehemalige Zigarrenfabrik Stegler, im Besitz von Herrn Fleischer und natürlich das Krankenhaus „Wilhelm-Augusta-Stift“ wurden durch den ortsansässigen Baubetrieb Erich Henschel, den Kreisbaubetrieb Niesky, Produktionsabteilung II Muskau und die gründende Bauhütte der Stadt Muskau wieder aufgebaut.

Wohnhaus Heinrich-Laube-Weg 3 im Jahr 2010

Kirchstraße 4/6/8. Der erste staatliche Wohnungneubau in Muskau

Kirchstraße 12/14  im Jahre 1960

Kirchstraße 12/14  im Jahre 1960

Wohnhaus Heinrich-Laube-Weg 3/5

Aber es fehlte dringend Wohnraum. Unter großen Anstrengungen wurden die Familienhäuser am Gehalm, im Heinrich-Laube-Weg, der Schützenstraße und die teilweise beschädigten Häuser in der Gablenzer Straße bezugsfertig hergestellt. 

Der erste bezugsfertige Wohnblock der AWG im September 1960

Im März 1957 beginnen die Ausschachtungsarbeiten in der Kirchstraße 4/6/8 für den ersten staatlichen Wohnungsneubau in Muskau, der im Dezember 1958 bezogen wird.
Bereits am 25. Juni 1954 wurde im Nachbarort Krauschwitz die AWG Keulahütte gegründet. Diese Arbeiterwohnungsbaugenossenschaft hat unter ihrem verdienstvollen Vorsitzenden Genossenschafter Richard Naumann bereits mehrere Wohnungsbauten in Krauschwitz errichten lassen. Diese AWG Keulahütte verwirklichte auch ein Wohnungsbauprogramm in Muskau. So entstanden im Schatten der Kirchenruine die Wohnblöcke Kirchplatz 4/6 (rechtseitig) in den Jahren 1959/60, Kirchstraße 12/14 ebenfalls 1959/60 und der Wohnblock Kirchplatz 1/3, bezugsfertig am 15. November 1960.
Diese Bauten wurden durch den VEB Bau (K) Weißwasser ausgeführt. Die Bauleitung hatte Bauingenieur Franz Diesner. Einsatzleiter waren die Genossenschaftler Hans-Georg Marko und Kurt Stepbach.
Im Mai 1960 wurde mit dem Abriss der Ruinengrundstücke des ehemaligen Kaufhauses Grudinski und der Eisenwarenhandlung Emil Löbel in der Ernst -Thälmann-Straße 9/11/13 begonnen.
Am 15. April 1961 wurde die Arbeiterwohnungsbaugenossenschaft Schaltgerätewerk Muskau gegründet. Sie ging aus der bereits bestehenden AWG Keulahütte hervor. Die Trennung der in Muskau (ab 01.10.1961 Bad Muskau) wohnenden Genossenschafter von der AWG Keulahütte machte sich notwendig, da in Muskau dringend Wohnraum benötigt wurde und die Verwaltung von Krauschwitz aus Schwierigkeiten bereitete. Der Genossenschaftler Richard Naumann und der Genossenschaftler Paul Schmidt leiteten alle Maßnahmen ein, dass die Gründung einer eigenen AWG in Bad Muskau verwirklicht werden konnte. Die bereits stehenden Wohnblöcke wurden an die AWG in Bad Muskau, deren Trägerbetrieb der VEB Schaltgerätewerk Muskau war, übergeben.
Alle Mitglieder der AWG Keulahütte die in den Wohnblöcken in Bad Muskau wohnten, wurden der AWG Schaltgerätewerk überschrieben.
In der Gründungsversammlung der AWG Schaltgerätewerk Muskau, die am 15. April 1961 im Lindenhof Bad Muskau stattfand, wurden folgender Vorstand und folgende Revisionskommission gewählt:
 

Genossenschafter Nimpsch, Hans, 1. Vorsitzender
Genossenschafter Martinetz, Herbert, 2. Vorsitzender
Genossenschaftler Marko, Hans-Georg Vorstandsmitglied
Genossenschafter Hanko, Kurt Vorstandsmitglied 
Genossenschafter Wolf, Mainhard Vorstandsmitglied 
Genossenschafter Stepbach, Kurt Revisionskommission 
Genossenschafter Buban, Fritz Revisionskommission 
Genossenschafter Budo, Walter Revisionskommission
 

Die Wohnungsbaugenossenschaft zählte 130 Mitglieder, davon waren 36 bereits im Besitz einer Wohnung und 94 Mitglieder warteten sehnsüchtig auf ihre eigenen vier Wände.

Text und Fotos Hans Schmidt

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