Verein Ring

Volksbildungsverein „Ring“ 

Regina Barufke, Bad Muskau, Helga Heinze, Krauschwitz, 2026

Wenn wir heute von dem Begriff Volksbildung sprechen, verbinden wir ihn sehr schnell mit den Einrichtungen der Volkshochschulen, zu deren Vorläufern bereits Ende des 19. Jahrhunderts das öffentliche Vortragswesen der Universitäten sowie die Bildungsarbeit der Arbeiter- und Handwerker-Bildungsvereine gehörten. 

 

Wenig bekannt für Muskau ist, dass es auch hier einen Volksbildungsverein gab, der bereits 1868 gegründet wurde. Der Verein hatte als Symbol das „R“ in einer zum Ring gerundete Schlange. Es erschien auf allen Schriftstücken und in Anzeigen. 

Aus drei Quellen fußt unser Wissen zur Gründung und Tätigkeit dieses Vereins: Jahresberichte mit den Programmen der Vereinsabende, genauen Verzeichnissen der Mitglieder, Übersichten über die Tätigkeit des Vereins, die Finanzlage und den Bibliotheksbestand, einem handschriftlichen Bericht, deren Verfasser uns unbekannt ist sowie Anzeigen und Beiträgen im Muskauer Anzeiger. 

Sammlung der Jahresberichte      

von 1668 bis 1908                 

 Bericht über die Vereinsarbeit,       

Jahr und Autor unbekannt

       Titelbild eines Muskauer Anzeigers von 1879.

         Der Verein Ring nutzte den Muskauer Anzeiger für Einladungen und Bekanntmachungen.

„Aufgrund einer am 11. November 1868 im hiesigen ‚Anzeiger‘ veröffentlichten Aufforderung zur Gründung eines ‚Vereins zur Beförderung allgemeiner Bildung ec.‘ hatte sich am 13. November im Gasthofe ‚zum Greif‘ eine Versammlung von ca. 60 Personen eingefunden“, eine stattliche Anzahl. 

Laut dem handschriftlichen Bericht kam die Anregung für dieses Treffen von dem in Muskau wohnenden Dr. phil. Köster. Ein Komitee, bestehend aus Dr. med. Gustav Treutler, Obergärtner Georg Kirchner, Dr. phil. Köster, Töpfermeister Erdmann Lehmann, Sattlermeister Heinrich Moll und Hof-Apotheker Carl Neitzel, erarbeitete den Entwurf des Statuts und der Geschäftsordnung, die in einem zweiten Treffen am 24. November nach der Bestätigung die Grundlage für die Gründung des Vereins sowie die Wahl eines Vorstands bildeten. 

 

Der ersten Vereinsleitung gehörten an:

Vorsitzender - Dr. med. Gustav Treutler 

Stellvertreter - Regierungs-Feldmesser Reinhold Witte 

Schriftführer - Obergärtner Georg Kirchner  

Kassierer - Hof-Apotheker Carl Neitzel

Beisitzer – Dr. phil. Köster, Forstsekretär Bertold Brotke, Lehrer Carl Busch, Aktuar Hermann Most, Maurermeister Emil Rambusch, Obergärtner Gustav Schrefeld, Schuhmachermeister August Werner 

 

Schon diese Namen zeigen, dass die verschiedensten Bevölkerungsschichten im Verein vertreten waren. Die erste Vereinsversammlung fand am 15. Dezember 1868 im „Niederländischen Hof“ mit 60 Mitgliedern statt. 

Unter den ordentlichen Mitgliedern befanden sich Handwerksgesellen, Meister, Kaufleute, Fabrikbesitzer und Ackerbürger. Ein breit gefächertes Berufsbild war vertreten: Tischler, Schuhmacher, Töpfer, Schneider, Handschuhmacher, Kürschner, Seifensieder, Klempner, Buchbinder, Sattler, Schlosser, Schmiede, Zimmerer, Maurer, Berg- und Frischmeister, Gärtner, Förster, Obersteiger, Barbiere, Aktuare, Dachdecker, Restaurateure, Windmüller, Steiger, Geometer, Büchsenmacher, Magistratsboten, Musikdirigenten, Fotografen sowie Mühlen- und Brauereipächter. 

Zu den vielen Herren zählte als außerordentliches Mitglied neben weiteren drei Herren nur eine Frau, Fräulein Petzold, vermutlich eine Tochter des Superintendenten Carl Friedrich Christian Petzold.   

              Muskauer Anzeiger vom 11.10.1884 

Muskauer Anzeiger vom 29.9.1883                    

Der Hauptinhalt der Vereinstätigkeit bestand im Abhalten von Vorträgen und Vorlesungen, die mit Datum, Ort und Thema im Muskauer Anzeiger angekündigt wurden. Es bestand bei Vorlesungen die Möglichkeit, Fragen auf kleinen Zetteln zu stellen, die am Ende der Veranstaltung beantwortet wurden. 

Die Themen waren vielfältig und betrafen allgemein Wissenswertes, zum Beispiel:  

  • Wie verhält sich die Anziehungskraft der Erde zur atmosphärischen Luft
  • Wie verhält sich der Mond zum Menschen betreff der Mondsüchtigen
  • Was ist Glyzerin, Anilin, Acetin und Nicotin
  • Wodurch werden die Farben hervorgerufen, in denen uns Gegenstände erscheinen
  • Wünscht der Handwerkerstand Gewerbe-Freiheit oder Gewerbe-Ordnung
  • Was ist Gussstahl und Hartguss und wie ist deren Fabrikation 
  • Die Bereitung und Konservierung der verschiedenen Biere
  • Zur neuen Hypothekenordnung
  • Wie äußert sich der Hungertyphus und ist er heilbar
  • Eine neue Methode des Kartoffelbaues
  • Lesung aus Humboldts „Kosmos“ zu Aerolithen und Sternschnuppen
  • Ausstattung der Pflanzen gegen durch Witterungs-Verhältnisse veranlasste Trockenheit 

Muskauer Anzeiger vom 30.11.1881 

 Muskauer Anzeiger vom 26.11.1884

 Muskauer Anzeiger vom 14.11.1885

 Muskauer Anzeiger vom 21.2.1885      

  Muskauer Anzeiger vom 10.2.1886

Muskauer Anzeiger vom 6.1.1886                         

Für die Vereinsbibliothek waren zu Beginn eine Sammlung wissenschaftlicher und gemeinverständlicher Vorträge in 120 Bändchen von Virchow & v. Holzendorff sowie im dritten Jahr Monatsschriften zum Konversationslexikon, herausgegeben von Rudolf Gottschall unter dem Titel „Unsere Zeit, Deutsche Revue der Gegenwart“ erworben worden. Jedes Jahr kamen durch Ankauf oder Schenkung weiterer Bücher hinzu. 1882 zum Beispiel von Oskar Förster „Vorträge für Gewerbe-Vereine“, Wilibald von Schulenburg „Wendisches Volksthum in Sage, Brauch und Sitte“ sowie die „Briefe eines Verstorben“ und „Tutti Frutti“ des Fürsten Pückler-Muskau. 

Noch weitere, uns bekannte Bücher Muskauer Autoren, gehörten zum Bestand: Von Christian Gottlieb Langner „Aktenmäßiger Bericht von der Grundlegung, dem Bau und der Einweihung der wendischen St. Andreas-Kirche zu Muskau in der Oberlausitz“, von E. Petzold und G. Kirchner „Arboretum Muscaviense, über die Entstehung und Anlage des Arboretrums des Prinzen Friedrich der Niederlande in Muskau, nebst einem beschreibenden Verzeichnis der sämtlichen in denselben kultivierten Holzarten“ und von Georg Liebusch „Skythika, oder etmologische und kritische Bemerkungen über alte Bergreligion und späteren Fetischismus, mit besonderer Berücksichtigung der slawischen Völker- und Götternamen“. 

Bibliothekare waren zu Anfang der Kaufmann Räbiger und der Lehrer Reder, in deren Wohnungen die Aus- und Rückgabe erfolgte. 

Ab 1876 übernahm diese Aufgabe der Buchdruckereibesitzer Edwin Donath. Ab 1879 befand sich die Bibliothek in den ausgewiesenen Vereinslokalen „Niederländischer Hof“ und „Rolkes Hotel“. Vereinslokale waren auch das Hotel „zum grünen Baum“ und der „Ratskeller“. In den jeweiligen Jahresversammlungen wurde das Vereinslokal durch Wahl festgelegt und manchmal auch im Folgejahr wiedergewählt.

Einziges, noch vorhandenes                                                     Exlibris zur Kennzeichnung des Buchbestandes

Buch aus der Vereinsbibliothek   

Regelung zur Ausleihe und Rückgabe in Muskauer Anzeiger vom 3.7.1880 und 22.4.1885                                      

Die Finanzierung der Vereinskosten für die Bibliothek, Drucksachen, Buchbinderarbeiten, Botenlohn, Musik und Bedienung bei Vereinsfesten, Beiträgen zum Allgemeinen Bildungsverein erfolgte in erster Linie aus Mitgliedsbeiträgen und Eintrittsgeldern. 

 

Zum 20-jährigen Bestehen des Vereins gehörten ihm 150 Mitglieder an.

Viele Namen sind uns noch heute bekannt, denn sie waren Bestandteil von Forschungen zur Stadtgeschichte und insbesondere zu Handwerk und Industrie. 

Ausgewählt aus dem Bericht von 1871 – 1872:

Buchbindermeister Alwin Ahner, Buchdruckereibesitzer Edwin Donath, der 1868 die Herausgabe des Muskauer Anzeigers übernahm (siehe Beitrag Muskauer Anzeiger), Tonwarenfabrikbesitzer Carl Dretwa, Papierfabrikant Emil Fischer, Marstallverwalter Friedrich Hamelmann (siehe Beitrag Hamelmann – Stallmeister, Fahrkünstler, Buchautor), Hotelbesitzer Julius Lischka, Schmiedemeister Emil Löbel, Klempnermeister Wilhelm Nicolai, Sattlermeister Heinrich Moll, Obergärtner Gustav Schrefeld, Hofbüchsenmacher Louis Starke, Bauinspektor Maximilian Franz Strasser, der den Umbau des Schlosses unter Prinz Friedrich der Niederlande mit leitete, Hofapotheker Carl Neitzel und Uhrmacher Alexander Wels. Mitglied Hoffotograf Bernhard Winkler (siehe Beitrag Winkler-Hoffotograf) gestaltete den Grabhügel für Machbuba auf dem Alten Friedhof. Tischlermeister Eduard Zickro stellte 1826 die Holzformen zum Guss der Zierstreben der Karpfenbrücke im Muskauer Park her. Schuhmachermeister August Werner soll laut dem uns vorliegenden Bericht die Schuhe des kleinwüchsigen Wilhelm Heinrich Masser (Billy), der Sekretär bei Fürstin Lucie von Pückler-Muskau war, gefertigt haben. Sie befanden sich einst im Heimatmuseum in der Jakobskirche. 

Ausgewählt aus dem Bericht 1883 – 1884:

Brauereipächter Joseph Spitzer (siehe Beitrag Bierbrauen), Kupferschmiedemeister Wilhelm Säwekow, Hof-Apotheker Richard Manno, Hof-Chirurgus Eduard Poeschmann, Seifenfabrikant Wilhelm Haag, Uhrmacher Maximilian Nicolai, Färbermeister Wilhelm Märksch (siehe Beitrag Blaudruckerei der Familie Märksch), Zigarettenfabrikant Friedrich Stegler, Kaufmann Otto Hentschel und Bäckermeister Hermann Pinkert sowie Schneidermeister Wilhelm Wolf, dessen Eier- und Insektensammlung sich auch im Heimatmuseum befand.   

Ausgewählt aus dem Bericht von 1900 – 1901: 

Buchbindermeister Ludwig Franz, Hotelbesitzer Richard Ehlert, Kurt Poeschmann und Adolf Rolke, Lehrer Friedrich und Bruno Gerlach, Ziegeleibesitzer August Gloyna, Kaufleute Willi Haaßengier und Wilhelm Sydow, Drechslermeister Otto Hentschel, Kantor Paul Herkner, Schmiedemeister Joseph Klenner und Emil Löbel, Schlossermeister Otto Klix, Klempnermeister Wilhelm Nuß, Revierförster Wilhelm Klich, Apotheker Köhler, Schneidermeister Paul Krause (Feuerwehr), Fabrikbesitzer August Kypke, Büchsenmacher Heinrich Looke, Glashüttenbesitzer Hermann Raetsch, Arthur Sallmann und Eduard Urbainz, Brauereipächter Richard Schaar (siehe Beitrag Bierbrauen), Bildhauer Gustav Riech, Mühlenbesitzer Robert Schneider und Hofmalermeister Friedrich Woch.

 

Das jährlich stattfindende Stiftungsfest diente der Pflege der Geselligkeit mit Konzerten, Theateraufführungen und einem sich anschließenden Ball. 

    Einladungen zu Stiftungsfesten 1875, 1897 und 1928

    Alle im Beitrag gezeigten Originaldokumente stammen aus der Sammlung des ehemaligen

    Stadt- und Parkmuseums Bad Muskau. 

Laut Tätigkeitsbericht 1890 – 1891 führte am 7. Mai der Märkisch-Lausitzer Bezirksverband der Gesellschaft für Verbreitung von Volksbildung, dem der Verein Ring angehörte, im Hermannsbad seine 21. Hauptversammlung durch. Als Vertreter des hiesigen Vereins nahm Lehrer Richter teil. Laut Bericht 1891 – 1892 gehörten nachfolgend genannte, elf hier ansässige Personen dem Märkisch-Lausitzer Verband an. Sie zahlten einen größeren Beitrag zu den 2 Mark des regulären Mitgliedsbeitrags.

 

Standesherr Traugott Hermann Graf v. Arnim        Forstmeister Paul Riebel

Kreis-Physikus Dr. August Karl Deichmüller           Fabrikbesitzer Ludwig Rohrmann, Krauschwitz

Fabrikbesitzer Alexander Großmann                      Fabrikbesitzer Arthur Sallmann

Rechtsanwalt Waldemar Luks                                Stadtrath W. Schmidt     

Sekretär Matthews                                                  Hüttendirektor Vollberg, Krauschwitz

Appel.-Gerichtsrath Carl Otto Meyer

Bisher fanden wir kein Datum, wann sich der Verein „Ring“ auflöste. Für den übergeordneten Märkisch-Lausitzer Verband ist als letzter Vorsitzender bis 1933 Johannes Tews angegeben. Für die Zeit danach gibt es keine Informationen. Da sich nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 politische Parteien, kirchliche sowie freie Interessenverbände auflösen oder sich dem System anpassen mussten, ist anzunehmen, dass auch der Märkisch-Lausitzer Verband und der Muskauer Verein „Ring“ ihre Arbeit einstellten. 

Muskauer Anzeiger vom 2.6.1886 

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