Muskauer Eis- und Lagerbierkeller
Helga Heinze/Holger Klein, Krauschwitz, Bad Muskau, 2026
Um das Bier vor dem Schenken mindestens vier Wochen lagern zu können, wie es der Besitzer der Herrschaft Fabian von Schönaich (1509-1591) für seine Stadt Muskau einst festlegte, benötigten die Häuser kühle Keller. Doch befürchtete sein Neffe Hans Georg von Schönaich 1585 durch „In Sommerzeit böse warme waßerige Keller“1 ein zu schnelles Verderben des Biers. Daraufhin verkürzte er die Lagerzeit auf 14 Tage, was aber der Reife des Biers unzuträglich war.
Neben anderen Handdiensten verpflichtete die Herrschaft ihre Bürger 1499 zum „Eißen auff unserm Schloßgraben, in dem Winter.“2 Das dadurch gewonnene Eis diente in der warmen Jahreszeit zum Kühlen von Speisen und Getränken, besonders von Bier. Vor der Erfindung technischer Kühlanlagen, nutzten die hiesigen Braumeister auch das auf dem Eichsee gewonnene Eis zum Kühlen in unterirdischen Kellern. Als in Muskau 1818 der erste bayerische Braumeister Wilhelm Christian Eyßen die untergärige Braumethode einführen sollte, setzte er „für das Lager- und Sommer-Bier vollkom[m]en tüchtige Felsenkeller voraus, ohne die der geschickteste bayerische Brauer Ehre einzulegen nicht im Stande ist.“3 Da es in Muskau keine Felsen gab, kamen nur Erdkeller in Frage.
Obwohl die damalige herrschaftliche Brauerei am Standpunkt der jetzigen Orangerie über mächtige bis heute erhaltene Kellergewölbe verfügte und sich eben solche unter dem Schauspielhaus und dem Amtshaus befanden,4 schienen auch diese dem neuen Braumeister zu klein, zu niedrig und daher zu warm. Vertiefen schien wegen des hohen Grundwasserstandes unmöglich. Obersteiger Leido führte den Braumeister Christian Eyßen durch die Stollen des Alaunbergwerks, aber auch diese eigneten sich nicht. Dann besichtigten sie den „so genannten Haack und wiesen dem Brauer Meister Eißen die Stelle, wo der Berg Keller gegraben werden könne.“5 Doch fand er den Weg vom damals noch bei der Neißmühle gelegenen Brauhause zu weit und zu unbequem. Besser gefiel ihm die Idee, einen neuen Keller am jenseits der Neiße gelegenen terrassierten Berg anzulegen, da er nicht bewachsen war. Probebohrungen sollten folgen. Zum Schluss präsentierte man ihm noch den bei der Schmelze gelegenen herrschaftlichen Sandberg zur Anlegung eines Kellers.
Zu den bestehenden Kellern machte Eyßen später einige Vorschläge zur Verbesserung der Isolierung und zu den Kellerlöchern, „durch die vermöge eines Schlauches das Bier leichter als durch die Thüren in den Keller geschafft werden könne.“7 Später sind im Inventar der fürstlichen Brauerei unter Position 58 eingetragen: „Zwei lederne Bierschläuche mit Messingschrauben u. Hähnen.“8


Kellerhaus als Gasthof „Bockkeller“, 1895
Eis- und Lagerbierkeller 1845
1. Kellerhaus mit Ziegeldach,
2. Keller,
3. Eisgrube mit Ziegeldach,
4. Lauben
Mit dem Bau der neuen Schlossbrauerei machte sich die Errichtung eines Lagerbierkellers in unmittelbarer Nähe notwendig. Daher ließ der Fürst einen „vortrefflich kalten Bergkeller erbauen – Minirgewölbe von Lutz aus Reitta im Tyrol.“9 Hierbei handelt es sich um ein belastbares Ziegel-Flachgewölbe für den Bau in instabilem, sandigem Gelände.
1845 konnte dieser Kellerbau am sogenannten Haag – einer Hangterrasse zum Dorfe Berg – mit folgenden Tätigkeiten abgeschlossen werden: „Aufzug für die Fässer, Abputz Außen und Innen, Dach-Eindeckung, Aufmauerung des Schornsteins und Abdeckung des Kellers von oben mit Rasen, Anstrich des Dunstzugs und der Thore, Thüren und Fenster, Giebel-Verzierung und Giebelfenster, Planierung des Platzes und Weges nach dem Keller.“10 Der Keller erstreckte sich mit einer Größe von 7,6 x 18 Metern in den Berg hinein, um die Fässer mit Schlossbier aufzunehmen. Etwa 20 m nördlich davon befand sich ein kleiner Eiskeller mit einem Durchmesser von 4,39 m. Durch eine 1,23 m breite und 2,42 m lange Schräge gelangte das Eis aus dem Raaz – ein See im Dorfe Berg – von oben in den Kellerraum. Dieser Keller diente nur der Lagerung von Eis, welches nach Bedarf in den Lagerkeller gebracht werden konnte.
Der Bierlagerkeller besaß ein massives Vorhaus mit Ziegeldeckung und mit einer Durchfahrt für Pferdewagen. „Im Gebäude selbst befindet sich der gebohlte Pferdestall mit Krippe von Brettern und die gediehlte Kutscherstube, in welcher sich ein Ofen von Tafelkacheln mit eiserner Heitzthür befindet.“11 Also diente dieses Vorhaus zuerst nur als Pferdestall und Kutscherstube. Erst später richtete der Brauereipächter, wie in anderen Orten auch, über dem Keller inmitten schattiger Bäume einen Ausschank ein. Anfangs bewirtschaftete er ihn selbst, später gelangte er in Verpachtung. Inzwischen zum Gasthof ausgebaut trug er den Namen Bockkeller, weil hier auch das Bockbier zum Ausschank kam. Im April 1945 kam es zur Brandstiftung, der das Gebäude zum Opfer fiel. Später kam es zum Abbruch der Ruine, doch der Keller blieb bis heute erhalten. Eine 2008 durch die Stiftung „Fürst-Pückler-Park Bad Muskau“ beauftragte Begutachtung stellte den Zustand der drei Kellerräume mit Tonnengewölbe für eine mögliche Nachnutzung fest.

Bauaufnahme der erhaltenen Kellerräume, Stiftung „Fürst-Pückler-Park Bad Muskau“ 2008
Die ab Mitte des 19. Jahrhunderts unter dem neu erbauten fürstlichen Brauhause genutzten Gewölbekeller genügten bald nicht mehr den Ansprüchen einer effektiven Bierkühlung. Der unter dem Restaurant Bockkeller befindliche Lagerbierkeller erfüllte nach 13 Jahren die bautechnischen Anforderungen ebenfalls nicht mehr. „Da der Keller auf dem Haag, wie verlautet, sich nicht in einem trocknen Zustande befinden soll,“12 entstand 1858 die Idee, den Keller trockenzulegen. Dieses Vorhaben als unsicher verworfen, zog die Entscheidung für einen massiven Neubau nach sich. „Das Gebäude würde seine Stellung zwischen dem jetzigen Kellerhause und der Eisgrube auf dem Haag bekommen und zur Unterbringung von gegen 500 Tonnen Bier eingerichtet werden.“13 An den veranschlagten Gesamtkosten von 1.950 Talern wollten sich die damaligen Pächter Rasch und Weise mit 500 Talern beteiligen. Doch daraus wurde ebenfalls nichts, da sie schon 1861 ihre Pacht verließen.
Der nächste Brauereipächter Lederer wollte 1866 sein Pachtverhältnis nur verlängern, „wenn ihm ein neues Eishaus zur Aufnahme von 800 bis 1000 Tonnen Lagerbier erbaut würde.“14 Der Kostenvoranschlag belief sich laut des Prinzlichen Bau-Inspektors auf 5.000 Taler. Mehrere Fuhrwerksbesitzer meldeten sich aufgrund der Ausschreibung vom Wirtschaftsamt, um Mauerziegel und Sand aus dem Dorfe Berg zum Bauplatz zu befördern.15 1868 erbat sich der Baudirektor der Herrschaft von Ingenieur G. Poirier aus Alt-Schöneberg bei Berlin spezielle Informationen zur Verbesserung des vorhandenen Kellers. Poirer reiste dazu extra nach Muskau und fertigte ein neunseitiges Gutachten sowie mehrere Zeichnungen an.16 Auch im Braugewerbe kannte er sich aus, denn er bekleidete 1872 die Stelle des Betriebsdirektors der Vereinsbrauerei Neuendorf bei Potsdam.17 Mit wenigen Veränderungen und geringem Kostenaufwand sollte der vorhandene Keller wieder seiner Funktion gerecht werden. Jedoch gab es einen Streit um die Bezahlung der Spesen von 41 Talern an Poirier. Der Generaldirektor der Standesherrschaft schickte ihm das Gutachten zurück, „da ich solches von Ihnen gar nicht verlangt habe […]. Ebenso kann ich Ihnen Ihre Kosten nicht vergüten, da ich Sie nicht veranlaßt habe, hierher zu kommen.“18


Vorschlag zur Verbesserung des Lagerkellers der Brauerei
Zeichnung G. Poirier 1868, Staatsfilialarchiv Bautzen
Ingenieur G. Poirier, 1868.
Dem technischen Fortschritt angepasst, verfügte die Brauerei seit 1873 über ein kupfernes Eiskühlaggregat im Wert von 260 Talern.19 Der Transport des Bieres vom Gärkeller des Brauhauses zum Eis- und Lagerbierkeller sollte 1872 durch eine Leitung geschehen. Zuerst erbat die Generalverwaltung bei den regionalen Meistern ein Angebot auf 470 laufende Fuß verzinntes Kupferrohr. Dann kam man auf innen emailliertes Eisenrohr, jedoch wollte sich keine Gießerei in der Kürze der Zeit darauf einlassen,20 weshalb die Installation nicht zustande kam.


Eingang zum Eiskeller an der Brauerei, 2020
Mauerstein im Eiskeller, F. Dutsch 2018
Erst durch die erhöhte Bierproduktion unter dem Pächter Joseph Spitzer ließ der Standesherr 1883/84 direkt auf dem Brauereigelände einen separaten Eiskeller als Lager für das aus dem Eichsee im Park gewonnene Eis und das Bier errichten. „Dessen Eisräume allein gegen 800 bis 900 Kubikmeter enthalten resp. eine Eismasse von 18.000 Zentner aufnehmen können, und in dessen Lagerräumen sich ca. 1.500 Hektoliter Bier unterbringen lassen.“21 Dieser Bau entstand auf den Grundmauern des 1843 abgebauten und in der Nähe des Marktes wieder aufgerichteten Stockhauses.22 „Beim Grundgraben zum neuen Eiskeller im ,Niederländischen Hofe‘ ist man in diesen Tagen auf die Grundmauern des Büchsenmacher-Hauses [Carl Heinrich Männel], späteren Stockhauses, gestoßen.“23
Die Decke bestand aus Mauersteinen der Ziegelei von Alexander Sussmann, was ein beschrifteter Ziegel beweist. Als Abdeckung kam darauf ein Flachsatteldach mit geringer Neigung mit Pappdeckung. Als Isoliermaterial in den Decken der Eiskeller dienten einst Kohlenlösche, Häcksel und Sägespäne, die immer mal wieder nachgelegt werden mussten.
Bereits im Jahre 1896 erhielt der Eiskeller eine Erweiterung durch das Muskauer Baugeschäft Woitschach, um die Kühlmöglichkeiten zu vergrößern.


Muskauer Anzeiger, 1925
Baugeschäft Hermann Woitschach, Muskau
Briefkopf von 1896

Neues Maschinen- und Kühlanlagengebäude, 1899
1899 plante der Baumeister der Muskauer Standesherrschaft Gustav Kade die Errichtung eines neuen Maschinen- und Kühlanlagengebäudes. Die Baumaßnahme umfasste: ein Kühlhaus teils massiv, teils Fachwerk mit Pappdach, ein Kesselhaus in Fachwerk mit Pappdach, ein massiver Dampfschornstein, einen massiven Vorbau mit Ziegelabdeckung, einen massiven Schuppen mit Pappdach, einen massiven Stall mit Holzzementdach.24
Muskau verfügte noch über weitere Eiskeller, wie z. B. im Badepark und im Dominium Berg. Die Eisbergung aus den eigenen Gewässern und Flüssen reichte nicht aus, um den Bedarf zu decken. „Trotzdem wir in diesem Frühjahr für ca. 17.000.000 Mk Eisgekauft hatten […], sind wir doch noch gezwungen einige Waggon Eis von Stettin kommen zu lassen.“25 Die 1872 eröffnete Bahnstrecke Muskau-Weißwasser machte die Anbindung an die Eisenbahnlinie Görlitz-Berlin und somit derartige Transporte möglich.
Mit dem Verkauf der Brauerei im Jahre 1916 an die Stadt Muskau, übernahm die neue Besitzerin die Erlaubnis der Eisgewinnung im Eichsee des Parks.
Noch im Jahre 1925 bot der nachfolgende Brauereibesitzer Michael Rankl in seinem Betrieb täglich ab 8 Uhr Eis zum Verkauf an.26
Quellen:
1 StAFilA BZ 50175-1661, Acta in Sachen der Bürgerschafft zu Mußkau, […] den praetendirten Bierzwang betr., 1722, unpag.
2 StAFilA BZ 50175-1661, unpag.
3 StAFilA BZ 50175-1378, Acta der Fürstlich v. Pücklerschen Generalverwaltung […], Blatt 22 Rückseite.
4 Vgl. StAFilA BZ 50175-1377, Acta der Fürstlichen Verwaltung zu Muskau, die Verpachtung der Herrschaftlichen Schloß und Brauerei
1800-1816, Blatt 43 Rückseite.
5 StAFilA BZ 50175-1378, Blatt 4 Rückseite.
6 StAFilA BZ 50175-1378, Blatt 27 Rückseite.
7 StAFilA BZ 50175-1378, Blatt 68.
8 StAFilA BZ 50175-1513, Acta der standesherrlichen General-Verwaltung zu Muskau die Verpachtung der Brauerey betr., 1845-1866,
Inventar Position 58.
9 Illustrirte Zeitung, Leipzig, 18. August 1848, S. 107.
10 FHA Nr. 4629, Acta der Gräflich Hatzfeldt’schen Domainen-Direction, […], Projectirte Bauten für das Jahr 1845, Fol. 437.
11 StAFilABZ 50175-1513, Blatt 28.
12 StAFilA BZ 50175-1514, Acta der Standesherrlichen Generalverwaltung Muskau die Verpachtung der Brauerei an Buntebardt und
Trierenburg betr. später und zwar vom 1. Octbr. 1858 ab von Pasch und Weise, Blatt 55 Rückseite.
13 StAFilA BZ 50175-1514, Blatt 61.
14 StAFilA BZ 50175-1514, Blatt 120.
15 Vgl. StAFilA BZ 50175-1522, Acta […] den Bau eines Eishauses für de Brauerey betr. 1866-67, unpag.
16 Vgl. StAFilA BZ 50175-1514, Blatt 131 bis 138.
17 Zeitschrift des Vereins Deutscher Ingenieure, Berlin 1872, Batt 73.
18 StAFilA BZ 50175-1514, Blatt 131 Rückseite.
19 Vgl. StAFilA BZ 50175-1515, Blatt 12.
20 Vgl. StAFilA BZ 50175-1514, Blatt 227.
21 Muskauer Bad- und Fremdenblatt Nr. 1, 1894.
22 Vgl. StAFilA BZ 50175-3302, Acta betreffend die Muskauer Wachsbleiche, 1825, unpagn.
23 Muskauer Anzeiger, Zur Chronik von Muskau VI., 1883.
24 Vgl. StAFilA BZ 50021-28, Bauerlaubnisse, 1899, unpag.
25 StAFilA BZ 50175-1682, Brief von Schaar & Albrecht vom 15. Oktober 1898.
26 MA, 12. Mai 1925.
